LIMBO (2021)

Ein Frauenmörder hat es in Hongkong vor allem auf die linken Hände seiner Opfer abgesehen. Der Task Force in dem Fall wird der noch junge Detective Will Ren (Mason Lee) vorangestellt, doch für seine Kollegen leitet faktisch der erfahrene Ermittler Cham Lau (Gordon Lam) den Fall. Schon bald muss Ren feststellen, warum Lau nicht als Chefermittler tragbar ist, kennt er doch weder gesetzlich noch moralische Grenze. Außerdem schleppt er eine Altlast mit sich herum; seine Frau wurde von der jungen Autodiebin Wong To (Yase Lu) überfahren, die Lau erbarmungslos jagt. Ren kann ihn nur in letzter Sekunde davon abhalten, das Mädchen zu erschießen. Als Wong To realisiert, was sie Lau und seiner Frau angetan hat, will sie ihre Schuld sühnen und stellt sich den Beamten als Führer durch die Hongkonger Unterwelt zur Verfügung, wo ihre Suche sie zur einhändigen Drogendealerin Coco führt…

Limbo (R: Soi Cheang / Hongkong/China, 2021)

Das kann man wohl Soi Cheangs Meisterstück nennen, das ist ein Monster von einem Film! Dieser ultra-düstere und herb brutale Hong Kong Noir präsentiert die ehemalige Kronkolonie von ihrer dunkelsten und schmutzigsten Seite. Der Film führt den Zuschauer in abgeranzte Gassen, gegen die die Müllkippe aus DOG BITE DOG wie eine 4-Sterne-Suite aussieht. Mit dem Look des letzteren hatte ich ja damals so meine Probleme, weil ich der Meinung war, dass die vorgenommene Farbentsättigung dem vor Dreck starrenden Ambiente etwas des Ekels und der Wucht nimmt, aber hier geht Soi Cheang all the way in, taucht Hongkongs Slums zwischen Licht und Schatten in monochrome Grautöne. Wenn die Kamera dann zum Panorama-Shot ausholt und die Stadt zu einem Meer beleuchteter Fenster unzähliger Hochhäuser wird, ist das einfach nur atemberaubend. Technisch schöpft der Regisseur sowieso aus dem Vollen, schüttelt alles an verschiedenen Techniken aus dem Ärmel, in denen er sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon als meisterlich erwiesen hat. Und tatsächlich schafft er es dieses Mal sogar, dass der Inhalt mit der Technick Schritt hält. Die Grundkonstellation des jungen Idealisten mit dem alten Pragmatiker ist gewiss ein alter Hut, aber in LIMBO entwickelt das Ganze eine sehr eigene Dynamik. Denn die Lernkurve von Jüngling Ren erweist sich als sehr steil, seine Skrupel weichen schnell einer Zweckmäßigkeit, die aus den gegensätzlichen Charakteren schnell ein Team formt. Zwar nimmt Ren dem aufbrausenden Lau nach dem Übergriff auf Wong To seine Waffe ab, doch als auch er sieht, was die junge Frau angerichtet hat, lässt er seinen Kollegen soweit gewähren, wie er ihr gegenüber nicht selbst tödliche Gewalt anzuwenden droht. Der Moment, in der Lau Wong To in sein Appartment zerrt, wo er seine Frau, die kaum mehr zu einer Regung fähig ist, am Leben erhält, ist wirklich überwältigend. Und gerade Wong To ist diejenige, die im Laufe der Handlung Leidensfähigkeit beweisen muss. Bevor sie zusammen in die Slums abtauchen, lassen die beiden Cops sie alle ihre Freunde verraten und zwingen sie danach zu einem Spießrutenlauf durch die Verhafteten. Erst spät erkennt Lau, was er der jungen Frau eigentlich antut, und Ren ihn auch gewähren lässt.

Schauspielerin Yase Liu ist nicht zu beneiden; nicht nur muss ihr Charakter Erniedrigungen erdulden und fortwährend Todesangst ausstehen, das ganze letzte Drittel über bewegt sie sich nur kriechend oder humpelnd vorwärts, muss andauernd durch zugemüllte Seitengassen und kaputtes Mobilar krabbeln. Mason Lee überzeugt als Greenhorn von der Akademie, dessen Idealismus realistische Grenzen kennt. Gordon Lam spielt den Cop mit Riecher (Lau kann den Killer anhand von Müllgeruch erschnüffeln), kurzer Lunte und enormen Hass auf sich und die Welt famos, auch wenn das Skript hier ab und an zur leichten Übertreibung neigt. Hiroyuki Ikeuchi gibt den in Hongkong gestrandeten Serienmörder mit Schmackes, hier gehen mit dem Film am Ende auch mal die Gäule durch, was man mögen muss. Sobald man sein Gesicht das erste Mal sieht, driftet der Film sogar ein wenig in Horrorgefilde ab. Sein Psychopath mit Mutterkomplex lebt in seiner eigenen dreckigen Welt, er hat den Bezug zur Realität, zur Gesellschaft und zu sich selbst schon lange verloren, er ist so etwas wie die komplette verrohte und triebgesteurte Version von Joe Spinells Frank Zito, ohne dessen charmante, menschliche Seite. Wenn die beiden Beamten sich zum Finale seinem Versteck nähern, wird das nicht umsonst von apokalyptisch anmutenden Regenfällen begleitet.

LIMBO ist ein monochromer Großstadtalptraum, die gejagte Bestie ist zugleich ein Abbild vom dunklen Herzen der Stadt, ein Symbol für alles schlechte, dunkle, entmenschlichte dort. Ein nervenzerrender Thriller, in dem jeder in den Abgrund seiner Seele blicken und sich seinen Dämonen stellen muss. Ein überwältigendes Erlebnis!

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