Robert Sheckley, Das Jäger-Spiel (1986)

Die USA in hundert Jahren ist wirtschaftlich am Boden und in weiten Teilen durch Umweltverschmutzung verseucht. Der naive wie entschlossene Harold macht sich aus seiner kleinen Heimatstadt im Staat New York auf, um in Jagdwelt, einer privatisierten Insel und Touristenattraktion südlich der Florida Keys, am dort legalen Jagd-Spiel teilzunehmen und Geld für die Gemeinde zu verdienen. Nach einer beschwerlichen Reise erreicht er sein Ziel und findet Unterschlupf bei Nora, die sich als Hostess und Prostituierte verdingt und wie Harold Geld an die Gemeinde schickt. Esmeralda, die Hauptstadt von Jagdwelt ist ein komischer Ort. Es gelten hier die gleichen Gesetze, wie in der sonstigen zivilisierten Welt, nur dass die Bürger aufgefordert sind, diese regelmäßig zu brechen. Das Jagd-Spiel ist hier allgegenwärtig. Und Harolds Zukunft ist eng verbunden mit dem einst besten Späher Albani, den er schon bei seiner Ankunft kennenlernt. Sein erstes Opfer soll ausgerechnet Louvaine sein, der einst zu den besten Jägern zählte, aber seit Jahren mehr durch Glück als Verstand überlebt. Albani wie auch Louvaine erhoffen sich durch Harold einen Wendepunkt in ihrem Leben, hin zu einer besseren Zukunft. Doch nur einer kann gewinnen, und auch für Harold geht es nicht nur um Leben und Tod…

Das Jäger-Spiel, Robert Sheckleys zweiter Roman in seinem Victim-Zyklus nach Das zehnte Opfer von 1965, stellt sich als das ziemlich genaue Gegenteil von William Gibsons Cyberpunk-Initialzündung Neuromancer dar. Sheckley beschreibt die Zukunft der USA und auch der Menschheit als eine der Stagnation und der Umweltzerstörung. Technologischen Fortschritt hat es hier seit geraumer Zeit nicht mehr gegeben, da zum einen die notwendigen Ressourcen fehlen und die Menschen zum anderen zukunftsmüde geworden sind. Als Nebenerscheinung der Energieknappheit und der Depression wurden nach dem letzten Atomkrieg sogar alle territorialen Konflikte beigelegt und das Jagd-Spiel zur Kompensation initiiert, das aber auch schnell wieder abgeschafft wurde.

Aufgrund dessen anhaltender Popularität hat ein Konsortium eine Insel in der Karibik gekauft und zum touristischen Zentrum der Welt umfunktioniert. Enstanden ist ein absurder Konzernstaat, der den Bruch von Konventionen als oberstes Ziel und zur Leitkultur ausgerufen hat. Der naive Held Harold landet nach einer abenteuerlichen Odyssee durch die in quasi jeder Ecke verslumten USA hier. Der naive Neuankömmling sieht die Jagd als Chance und weckt Begehrlichkeiten. Zum einen beim Späher Albani, dessen einst glanzvolle Karriere inzwischen nur noch vor sich hin dümpelt und der befürchten muss, Bankrott zu gehen und als Sklave der Regierung zu enden. In Harold glaubt er, den geborenen Killer gefunden zu haben und setzt all seine Hoffnungen in ihn. Auch der Jäger Louvaine hat schon bessere Zeiten gesehen, hat seine letzten Kills nur durch Glück fabriziert, was ihm in der allgegenwärtigen Jagd-Show nur Häme und Spott eingebracht hat. Er zieht alle Fäden, um Harolds erstes Opfer zu werden und entspinnt eine große Falle, der Harold eigentlich gar nicht entgehen kann.

Der keine 200 Seiten lange Roman liest sich flüssig und sprüht wieder vor absurden wie morbiden Witz. Die in Das Jäger-Spiel beschriebene Welt ist eine wenig erbauliche, ein Schreckensszenario, das heute sogar, angesicht Erderwärmung und hypothetischer Klimakatastrophen, die langsam Einzug in die Realität halten, noch stark untertrieben, aber nichts desto trotz genauso ernüchternd und aktuell scheint. Der Protagonist Harold ist ein Landei, etwas unbedarft, aber durch die harte Schule des Lebens in der Ödnis mit der nötigen Entschlossenheit ausgestattet, die nur deshalb nicht in Skrupellosigkeit umschlägt, weil er eben ein herzensguter Mensch ist. Das verbindet ihn mit dem Späher Albani, der trotz seiner misslichen Lage eine gute Seele offenbart. Er dient dabei auch als typisches Beispiel, was Jagdwelt aus einem integeren, gutmütigen Menschen macht, denn er ist ein psychisches Wrack in ständigem Existenzkampf.

Die Welt hat sich verändert, aber die gesellschaftliche Revolution, oder eher Evolution, ist eben ausgeblieben. Die Welt am Ende der industriellen Ära legt ihr Hauptaugenmerk immer noch auf Prestige und Profit. Wer eines von beiden verliert, ist am Ende der Fahnenstange angelangt, wobei Albani das doppelte Aus droht. Als Teil der Arbeiterschaft im Jagd-Spiel ist sein Profit an sein Prestige gekoppelt. Dieses Problem hat Louvaine nicht, da er aus einer reichen Familie entstammt. Für ihn ist das Prestige alles, und dies hat über die Jahre beim einstigen Top-Jäger stark gelitten. Sein Vorgehen, um durch Harold wieder einen guten Kill verzeichnen zu können, ist selbst für das unmoralische Jagd-Spiel höchst unethisch.

Die Schere zwischen Arm und Reich stellt sich in Jagd-Welt auf besonders krasse Weise dar. Hunger leiden muss hier keiner, der gesellschaftliche Abstieg in die verstaatlichte Sklaverei, die es nur gibt, um quasi den Laden am Laufen zu halten, befördert einen ganz ans Ende der Karriereleiter, und man muss als leibeigener Lohnarbeiter anfangen, sich diese wieder hochzuarbeiten. In dieser verqueren Parallelwelt – denn überall sonst kämpft der große Teil der Gesellschaft um ein menschenwürdiges Leben – zählen nur Ruhm und Ehre, das Leben ist eine Show, und wer nicht daran teil haben kann, zählt nichts. Und dennoch machen diese gefallenen Individuen diese Show erst möglich, da sie die alltäglichen Arbeiten, vom Scheißeschaufler bis herauf zur politischen Führung, erledigen.

Der anfängliche Nachteil von Sheckleys Roman, dass seine zukünftige Welt eigentlich nur eine verkommene Version unserer (damals) aktuellen zu sein scheint, wandelt sich erst mit der Ankunft Harolds in Esmeralda im zweiten Drittel der Erzählung zu seinem Vorteil. Das gestaltet den Einstieg stellenweise etwas zäh. Außerdem erscheint sein Humor etwas weniger bissig und die Erzählweise an sich weniger schwungvoll als in seinem Vorgänger Das zehnte Opfer – der ist in der Welt von Das Jäger-Spiel ein fiktives Werk, was eine durchaus nette und passende Eigenreferenz darstellt. Trotzdem entwickelt die Geschichte in der zweiten Hälfte einen nicht zu verleugnenden Sog, weswegen ich sie tatsächlich in nur zwei Etappen durchgelesen habe. Im Vergleich zu Sheckleys Kurzgeschichten der 50er und 60er scheint Das Jäger-Spiel weniger visionär und auch ein wenig der ihm beschriebenen Depression anheim gefallen, stellt aber immer noch eine lohnenswerte Lektüre dar.

Gelesen habe ich die deutsche Lizenzausgabe als Erstauflage von Bastei Lübbe aus dem Jahre 1987 (Nr. 13 099)

2 Kommentare zu „Robert Sheckley, Das Jäger-Spiel (1986)

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    1. Ja, sorry. Ich hätte eigentlich gedacht, dass ich mit dem ähnlich schnell durch bin, wie mit den beiden Vorgängern, die ich je in zwei oder drei Nächten inhaliert hatte. Aber mit „Jäger und Opfer“ tu ich mich etwas schwerer und schaffe immer nur hier und da ein-zwei Kapitel…

      Gefällt 1 Person

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