Robert Sheckley, Das zehnte Opfer (1965)

In einer Welt einer unbestimmten Zukunft wurden die Kriege abgeschafft. Um die Aggressionen der Menschen zu bändigen und seinen Trieb zum Töten zu kanalisieren, wurde die Jagd ins Leben gerufen. Hierzu können sich Menschen melden, die diesen Drang verspüren. Die Jagd gibt ihnen die Möglichkeiten, diesem in geregelten Bahnen nachzugeben. Jeder, der sich hierfür anmeldet, verpflichtet sich, fünfmal als Jäger und fünfmal als Opfer teilzunehmen. Es winken attraktive Prämien und, sollte man alle zehn Jagden überleben, neben einer Million Dollar auch Ruhm und Ehre auf Lebenszeit, was neben gesellschaftlich hohem Ansehen normalerweise auch gut dotiert Jobs in der Führungsebene bedeutet. Die Amerikanerin Caroline Meredith arbeitet für einen großen Medienkonzern. Außerdem steht sie als Teilnehmerin an der Jagd kurz vor dem Ziel. Mit einem Produktionsteam reist sie nach Rom, um dort Marcello Polletti als ihr zehntes Opfer zu töten. Im Colloseum soll sie ihm im Rahmen einer großen Show den Garaus machen. Als sie Marcello studiert, um ihn unbemerkt am nächsten Tag dorthin zu lotsen, stellt sie fest, dass dieser gar keine Anstalten zu machen scheint, sich in irgendeiner Weise für die Jagd zu wappnen, geschweige denn, sich in weiser Voraussicht zu verstecken. Marcello lebt in den Tag hinein, als wäre alles ganz normal. Er scheint in einer Midlife Crisis oder sonstwie gearteten Depression zu stecken und offenbart eine gewisse Lebensmüdigkeit. Der 40-jährige Italiener hat zwar endlich seine Scheidung vollzogen, doch seine langjährige Beziehung mit der ebenso psychisch gestörten Olga gibt wenig Hoffnung auf eine rosige Zukunft. Und als Caroline sich wie eine Raubkatze ihrem Opfer nähert, scheint es auch immun gegen ihre Reize, was ihn für sie nur interessanter macht. Es entspinnt sich tatsächlich ein Duell mit ungewissen Ausgang…

Robert Sheckleys Das zehnte Opfer ist die literarische Umsetzung des gleichnamigen Films von Elio Petri. Der wiederum basierte schon auf Sheckleys Kurzgeschichte Das siebente Opfer, was sicherlich damals einen interessanten wie auch einzigartigen Kreislauf bildete.

Im Groben erzählt Sheckley hier die gleiche Geschichte wie der Film, sogar mit ähnlichem Ausgang. Allerdings setzt er seine Akzente anders, zeichnet die Figuren etwas extremer. Caroline ist hier die abgeklärte Killerin, die normalerweise keine Gefühle kennt. Doch in ihr macht sich schon vor dem Abflug nach Rom eine gewisse Jagdmüdigkeit bemerkbar, was sie veranlasst, sich genauer mit dem Mann zu befassen, den sie töten soll. Die ruhige, gleichgültige Art von Marcello findet sie mehr und mehr faszinierend, seine ihr gegenüber abweisende Art anziehend.

Dieser Marcello ist auch nicht der attraktive Lebemann, wie ihn Marcello Mastroianni im Film verkörpert (weil es eben im Film auch Marcello Mastroianni, der schwerlich etwas seiner Gravitas verlieren kann, selbst wenn er einen lebensmüden Mann spielt; der Fluch eines solchen Starvehikels, wenn ein Star nicht gegen den Strich gebürstet werden kann). Er gebiert sich durchschnittlicher, durch sein Desinteresse an wirklich allem geerdeter. Außerdem nimmt sich Sheckley hier die Freiheit, Sachen auszuschmücken, die im Film nur schwerlich umsetzbar gewesen wären.

Hier wohnen den wichtigen Ereignissen, wie der Tötung des deutschen Reiters zum Anfang als Marcellos Opfer tausende von Menschen bei, genauso wie bei seinem Auftritt als Prediger der Sonnenuntergangs-Jünger (im Film sind es nur einige Dutzend, die zudem von Neorealisten verspottet werden). Auch liegt sein Augenmerk häufiger auf der Welt selbst, die er immer wieder spöttisch beschreibt.

Damit beweist Das zehnte Opfer als Roman ganz eigene Qualitäten und öffnet auch Fans des Films neue Perspektiven auf die Welt dieser Zukunft und die Motive seiner Figuren. Und da Sheckley zu dieser Zeit noch in Hochform seine präzisen, satirischen Spitzen schießen konnte, ein rundum empfehlenswertes Lese-Erlebnis.

Gelesen habe ich die deutsche Lizenzausgabe von Bastei Lübbe aus dem Jahre 1985 (Nr. 22 077)

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