Von VANILLA SKY zu Liebhaber und Geliebter

Ich bin darauf gestoßen, als ich gestern zwecks Besprechung des Films VANILLA SKY auf der IMDb-Seite des Films unterwegs war. Dort wurde die kurz, in Englisch verfasste, Inhaltsangabe automatisch ins Deutsche übersetzt, weil die Seite mich durch meine IP als User in Deutschland verorten konnte. Es ist eine modische Unsitte, die auch auf Amazon (denen die IMDb gehört) und eBay zu finden ist. Die automatische Übersetzung verwirrt in den meisten Fällen mehr, als dass sie weiterhilft, weil die genutzten Programme nicht mit den vielen, kleinen Feinheiten der deutschen Sprache vertraut sind. Aber dies soll an sich nicht hier und jetzt Thema sein. Auf jeden Fall steht dort:

„Ein nachsichtiger und vergeblicher Verlagsmagnat findet sein privilegiertes Leben nach einem Autounfall mit einem verärgerten Liebhaber umgestülpt.“

(Original: „A self-indulgent and vain publishing magnate finds his privileged life upended after a vehicular accident with a resentful lover.“)

Augenscheinlich sind schon die beiden voranstehenden Adjektive „nachsichtig“ und „vergeblich“ Unfälle der Übersetzung („self-indulgent and vain“ wäre da eher „zügellos und eitel“), da sie in diesem kurz gefassten Kontext überhaupt keinen Sinn ergeben. Aber der Übersetzungs-Fauxpas, um den es mir hier geht, ist das Geschlecht des Dativ Objekts im Satz, der da „Liebhaber“ heißt. Wer den Film kennt, weiß, dass damit die Figur „Julie Gianni“, gespielt von Cameron Diaz gemeint ist, die eindeutig weiblich ist. Der Übersetzer hat das englische Wort „lover“, welches sowohl männlich als auch weiblich eingesetzt werden kann, einfach nur männlich übersetzt.

Aber ich schweife wieder ab, denn es soll nicht um die Übersetzung an sich gehen, sie lenkte meine Gedanken nur auf die deutschen Ausdrücke „Liebhaber“ und „Geliebte“, wie auch deren geschlechtsspezifischen Unterschiede, die es eben im Englischen nicht gibt, da eben für beides das selbe Wort verwendet wird. Wir Deutschen sind da schon ein wenig eigen mit unserer Sprache. Auffällig ist hier, dass der männliche Begriff „Liebhaber“ eine aktive Auslegung der Rolle andeutet, wogegen das weibliche „Geliebte“ eher passiv anmutet. Setzen wir es in den Kontext zu den Klischees, die sie zumeist ausdrücken, könnte man salopp ausdrücken, dass der „Liebhaber“ der „Hengst ist, der den Acker beflügen soll“, während die „Geliebte“ den „bereitwilligen Acker für die Bedürfnisse des Mannes“ darstellt. Das ist jetzt natürlich auf die Spitze getrieben, aber es geht mir jetzt mehr um das damit verbundene, in diesem Falle heterosexuelle, Klischee. Denn hierin begründet sich meist auch eine Machtposition. Es ist hier entweder der Mann, der sich eine „Geliebte“, oder die Frau, die sich einen „Liebhaber“ hält, neben einer geführten Beziehung mit einem anderen Partner, die einen nicht sexuell befriedigt. Das hört sich schon ganz schön sexistisch an und ist es natürlich auch.

Wenn wir das Klischee noch ein wenig weiter auf die Spitze treiben, mit Blick auf die Trivial-Literatur oder den Feuilleton, wo diese Begriffe eben auch am häufigsten Anwendung finden, stellt es sich aber anders dar, als man zuerst denken könnte. Wir haben hier den Mann mit der „passiven Geliebten“ und die Frau mit dem „aktiven Liebhaber“.  Eigentlich heißt dies, vulgär ausgedrückt, nichts weiter, dass der Mann in der „Geliebten“ eine Frau hat, „die ihn ranlässt“, während die Frau in dem „Liebhaber“ jemand gefunden hat, „der sie befriedigt“. Natürlich sind beides letztlich nur „Ventile für eine sexuelle Befriedigung“, wenn man es darauf herunterbrechen möchte. Doch liegt in diesen Ausdrücken aber auch ein klar implizierter qualitativer Unterschied – Nämlich, dass der Mann „nur Sex“ mit der „Geliebten“ hat, während die Frau „guten Sex“ von einem „Liebhaber“ erwartet. Wäre das ein Wettbewerb, dann wäre also die Frau die Gewinnerin. Es stecken natürlich noch weitere sexistische Annahmen in diesen Ausdrücken und ihrer alltäglichen Anwendung, die ich, man möge mir verzeihen, an dieser Stelle einfach mal außer Acht gelassen habe.

Ein Kommentar zu „Von VANILLA SKY zu Liebhaber und Geliebter

Gib deinen ab

  1. „mit Blick auf die Trivial-Literatur oder den Feuilleton, wo diese Begriffe eben auch am häufigsten Anwendung finden“
    Beobachtung am Rande: Mir fallen eher Trivial-Literatur-Schrifsteller:innen als Feuilletonist:innen ein.

    Gefällt 1 Person

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