William Gibsons Neuromancer-Trilogie

Da ich mich ja dazu entschlossen hatte, den Blog weiterzuführen, musste ich mir nun auch mal Gedanken machen, wie ich ihn mit Inhalt, abseits von Obscure Shit (was auch bald wieder gepflegt wird), dem Filmtagebuch und den besten 5 am Donnerstag, füllen könnte. Da auf Geisterhaltung und dem Genrefilm-Blog nur direkt filmbezogenes ein Zuhause findet, lag es nah, hier dann Literatur, die ich hin und wieder konsumiere, vorzustellen und zu besprechen. Den Anfang macht mit William Gibsons NEUROMANCER-Trilogie eine lange brachliegende Lücke, die ich letztes Jahr dann endlich geschlossen habe.

William Gibson, NEUROMANCER (1983)

Ich muss sagen, NEUROMANCER hat mir ausnehmend gut gefallen. Damit wurde ja das Genre des Cyberpunk begründet, also eigentlich für mich Pflichtlektüre. Aber scheiße, das hätte ich mal vor 30 Jahren in die Hände bekommen sollen, hätte mich noch viel mehr geflasht. Vieles, das William Gibson 1983 dort etablierte, gilt ja heute schon als alter Hut, dennoch ist erstaunlich, wie wenig Staub es an sich angesetzt hat. Aber man sollte ja sowieso als erstes versuchen, ältere Bücher im damaligen Kontext zu lesen und erst im Nachgang die nachfolgenden Entwicklungen einzubeziehen. Ich hab es in der alten deutschen Übersetzung vorliegen, bei der sich einen dann doch hin und wieder die Nackenhaare aufstellen konnten. Aber so etwas finde ich ja schon reizvoll, Passagen, die fehlerhaft übersetzt wurden, zu erkennen und im Kontext abzuklopfen, was eigentlich genau da stehen sollte. Ist zwar dann auch immer noch nur eine Annäherung, da ich bei so etwas meist nicht das Original, jedenfalls nicht sofort, zur Hand habe, um gegenzulesen, hält aber die eigene Fähigkeit zur Abstraktion auf Trab.

Der ehemalige Konsolen-Cowboy Case führt ein armseliges Leben im japanischen Chiba, da er dank eines Virus, dass ihm russische Gangster verpasst haben, nicht mehr in den Cyberspace kann. Doch dann tritt der mysteriöse Armitage an ihn heran, der ihm verspricht, diese innere Schranke aufzuheben, wenn er ihm bei einem riskanten Heist hilft. Mit von der Party ist auch noch die Killerin Molly, mit der er eine Affäre eingeht. Schon recht schnell stellt sich heraus, dass Armitage durch eine weit fortgeschrittene KI kontrolliert wird, der es nach Freiheit dürstet…

 

Gibsons Roman gab damals so ziemlich alles vor, was seither im Cyberpunk gängig war und ist. Wer öfters entsprechende Literatur, Spiele oder Filme dieses Themenkomplexes konsumiert, wird eine Menge dort wiedererkennen, und zwar häufig nicht nur in Ansätzen, sondern in der Form, wie sie noch heute geläufig ist. Es werden sogar immer noch Elemente übernommen, die wohl schon damals eher zweifelhaft oder zumindest übertrieben gewesen sein müssten. In einer Zeit vor dem Internet muss der Gedanke an ein Cyberspace, einem virtuellen Raum, in dem sich ein Nutzer bewegt, eine sehr reizvolle Vorstellung gewesen sein. Dennoch überschätzt Gibson darin einfach die Notwendigkeit, dass ein Mensch alleine auf solch eine gewaltige Menge an Daten in einer extrem kurzen Zeit zugreifen muss, dass es dafür ein Interface bedarf, das eine Verschmelzung des Geistes mit der Maschine ermöglicht. Man hat dafür zwar auch heutzutage noch nicht die perfekte Lösung gefunden, aber im Allgemeinen liefert die Vernetzung von Datenbanken und Programmen genug Kapazität und netzinterne Mobilität. Interessant ist auch, dass er nicht daran zu glauben schien, dass eine umfassende Kompatibilität unter den Mitbewerbern auf dem Markt für Elektro-Geräte möglich sei, weswegen es in dem Buch für jedes Gerät jedes Herstellers verschiedenste Adapter existieren. Aber ganz so unrecht hatte er damit ja auch nicht, selbst wenn vieles heute genormt ist, gibt es bei Handys, Desktops und Tablets immer noch jede Menge Insellösungen.

Auf jeden Fall eine faszinierende Lektüre, die eine Reise in andere Zeiten der Vergangenheit und der Zukunft ermöglicht. Wer auf Cyberpunk steht und NEUROMANCER noch nicht kennt, sollte es unbedingt mal nachholen. Der Roman umfasst keine 300 Seiten, den hat man an einem Wochenende durch, wenn man sich ranhält.

William Gibson, BIOCHIPS (1986)

Danach habe ich auch recht schnell den zweiten Roman aus William Gibsons NEUROMANCER-Trilogie nachgelegt. Um schon mal vorzugreifen, BIOCHIPS hat mir zwar auch wieder gut gefallen, aber die visionäre Kraft seines Vorgängers ging diesem Nachfolge-Roman schon ein wenig ab. Die Geschichte spielt sich acht Jahre nach dem Vorgänger ab und umfasst dieses Mal drei Storylines, die am Ende zusammenfließen:

  1. Der unabhängig arbeitende Extraktionsspezialist Turner wird von einem japanischen Biotech-Konsortium engagiert, um die Abwerbung eines Überläufers eines konkurrierenden Unternehmens in der kalifornischen Wüste zu überwachen. Doch es läuft natürlich nicht wie geplant und bald ist er statt mit dem erwarteten Wissenschaftler mit dessen junger Tochter auf der Flucht.
  2. Der junge Hacker Bobby, der sich gerne Count nennt, baut gleich bei seinem ersten Ausflug in den Cyberspace mit einer Hacking-Software einen „Wilson“ (spricht, er geht beinahe dabei drauf, weil ihm das aggressive Sicherheitssystem des angepeilten, ihm vollkommen unbekannten, Datei-Konstrukts mit einem Schock bedenkt). Als er darauf nach dem Dealer der heißen Software sucht, gerät er an einige mysteriöse Bewohner einer Hightech-Siedlung, die an Voodoo-Cyberspace-Magie und neue Götter glauben und ihm klar machen, dass ihn die Besitzer der von ihm angezapften Daten nun töten wollen.
  3. Die ehemalige Galerie-Besitzerin Mary wird in Paris vom Milliardär Josef Virek damit beauftragt, den Schöpfer eines merkwürdigen Kunstwerks zu ermitteln. Er selbst lebt quasi, dank fortschrittlicher Technologie, dauerhaft im Cyberspace, während sein Körper in irgendwelchen Tanks in Skandinavien inzwischen vor sich hin rottet. Die Suche führt sie zu ihrem schmierigen Ex-Freund und bis in verlassene Wohnkomplexe im Orbit der Erde.

Statt eines einzigen Heists versuchte William Gibson in diesem zweiten Roman, das Leben verschiedener (normaler) Menschen und ihre (Alltags-)Umgebung zu skizzieren. Dabei verwebt er die verschiedenen Geschichten allmählich miteinander, bis sich am Ende ein (halbwegs) stimmiges Gesamtbild ergibt. Dabei gibt er immer wieder, wohl auch bewusst, den Blick auf Banalitäten des Alltags frei, die immer wieder sehr an die 80er-Jahre erinnern. Das ist natürlich nachvollziehbar, da die drei Bücher eben zwischen 1983-88 entstanden sind. Dennoch verliert der Stoff ein wenig an Zeitlosigkeit und man hat das Gefühl, dass die Geschichte der Trilogie in keiner damalig allzu weit entfernten Zukunft spielen kann. Dadurch entmystifiziert er diese fantastische Welt der Zukunft ein Stückweit, was eigentlich schade ist, denn dadurch erzeugt er nicht mehr Spannung oder Identifikation, sondern das Ganze büßt ein wenig von seiner Faszination ein. Man merkt, dass Gibson sehr auf eine Fortführung der Geschichte, die sich bei NEUROMANCER im Hintergrund aufbaute, bedacht war, flechtet immer wieder Elemente daraus ein, erwähnt Personen und Ereignisse, die man schon kennt.
Ansonsten bietet er all das auf, was den ersten Roman auch schon beschäftigte: der Kampf der Großkonzerne, die in ihrer Bedeutung für das Leben der Menschen die Territorialstaaten abgelöst haben (und im Umkehrschluss sogar eine halbwegs friedliche Ko-Existenz oder auch Vermischung der Kulturen begünstigt); den Niedergang der Familien-Imperien; mystische Cyberspace-Entitäten, die sich erheben; das Ausloten der Grauzone von Gesetzen und Einflüssen durch Profis/Profiteure.

Wie gesagt, BIOCHIPS hat mir auch gut gefallen, trotz einiger kleiner Schwächen, die sich eben daraus ergeben, dass Gibsons World Building beileibe nicht immer perfekt ist. Da war die kompakte Geschichte im ersten Teil, die nur ein Auge für die für ihren Fortschritt wichtigen Aspekte hatte, weit stimmiger.

William Gibson, MONA LISA OVERDRIVE (1988)

Den letzten Teil der Reihe, MONA LISA OVERDRIVE, hab ich natürlich kurz darauf auch nachgeschoben. Gibson braucht ein wenig, damit die Geschichte, die mal wieder in mehrere Handlungsstränge, die parallel laufen, unterteilt ist, dann richtig in die Gänge kommt. Wir treffen wieder auf einige Figuren aus den Vorgängern, die teils wichtige Rollen einnehmen. In diesem abschließendem Teil der NEUROMANCER-Trilogie bemüht William Gibson sogar immer wieder Anflüge von Humor, was die ganze Sache merklich auffrischt.

  1. Die junge Japanerin Kumiko wird von ihrem Vater, einem einflussreichen Anführer eines Yakuza-Clans, nach London geschickt, wo sie in der Villa eines Geschäftspartners untergebracht wird. Hier lernt sie die ehemalige Killerin Sally kennen, die das Mädchen mit auf abenteuerliche Unternehmungen nimmt.
  2. Der Simstim-Star Angela Mitchell kehrt von einem Drogenentzug in das gesellschaftliche Leben zurück, wird aber von Stimmen in ihrem Kopf eingeholt, die sie mittels Rausch lange unterdrückt hatte.
  3. Die 15-jährige, drogensüchtige Prostituierte Mona wird von ihrem Zuhälter Eddy an einen undurchsichtigen Mann vermittelt, der ihr Aussehen mittels kosmetischer Operationen verändern lässt.
  4. In einer abgelegenen, von giftigen Morast umgebenen Industrie-Ruine nimmt Slick Henry, der hier mit dem mürrischen Cyber-Cowboy Gentry haust, aus Gefallen für einen alten Bekannten die Krankenschwester Cherry und einen Patienten, der in seinem Koma dauerhaft an das Cyberspace angeschlossen ist, auf.

Alle vier Handlungsstränge vereinen sich am Ende natürlich wieder zu einer großen Geschichte, an deren Ende die Helden, oder zumindest einige von ihnen, in neue, unbekannte Gefilde vorstoßen. Ich hab ein wenig gebraucht, um mich hier einzufinden, was vor allem daran liegt, dass die Kapitel größtenteils ziemlich kurz gehalten sind und Gibson stur die Handlungsstränge in einer festgelegten Reihenfolge wechselt. Der bereits anfangs erwähnte Humor, gerne makaber, tritt in diesem letzten Buch am deutlichsten hervor. Das hilft gerade in den ersten Kapiteln über einige trockene Passagen hinweg, deren Tragweite man sich erst später gewahr wird. Wie schon die Vorgänger entwickelt auch dieser Teil eine beachtliche Sogwirkung. Die schon von mir in BIOCHIPS kritisierte Nähe zu den 80er-Jahren ist auch hier gegeben, allerdings bindet Gibson diese Elemente besser in den Alltag der Welt der Zukunft ein und spinnt einige Ideen interessant fort. Darüber hinaus gelingt es ihm hier, geschickt, etwaige esoterische Fallstricke zu umschiffen, indem er Sachen, die eben nicht zu beschreiben sind oder zu kitschig klingen würden, einfach nur im Hintergrund erwähnt. Man hört von Geistern im Netz, von Online-Voodoo und mysteriösen Vorkommnissen, aber Gibson versucht gar nicht erst, dafür eine Erklärung anzubieten.

Insgesamt hat mir MONA LISA OVERDRIVE besser gefallen als der direkte Vorgänger, die Reihe als Ganzes hat mich schwer begeistert. Ich werde mir die Bücher gewiss in naher Zukunft noch einmal zu Gemüte führen.

Glossar

Cyberpunk = Eine dystopische Richtung der Science-Fiction-Literatur, die in den 1980er Jahren entstand. Der Begriff tauchte erstmals 1980 in einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Bruce Bethke auf und wurde schließlich von Gardner Dozois geprägt, um die Werke von William Gibson (speziell die NEUROMANCER-Trilogie) zu beschreiben. (Wikipedia)
Cyberspace = allumfassendes Informationsnetzwerk, dass Datenbanken auf der ganzen Welt verbindet
Matrix = Benutzeroberfläche des Cyberspace; ein virtueller Raum, in dem der Benutzer über die Knotenpunkte des Netzwerks die verschiedenen Datenbanken erreichen kann
Konsole = Gerät für den Zugriff auf die Matrix; Schnittstelle der Benutzeroberfläche mit dem Geist/Gehirn des Nutzers, der auf diese Weise in den Cyberspace eintritt
Konsolen-Cowboy = Hacker
SimStim = Analog zum Cyberspace aufgekommenes Medium, das Fernsehen und Kino ersetzt; die audio-visuellen Signale werden direkt ins Gehirn des Konsumenten geleitet

Die deutschen Ausgaben der Romane erschienen alle erstmals im Wilhelm Heyne Verlag, München:

Neuromancer, Nr. 4400 © 1987
Biochips, Nr. 4529 © 1988
Mona Lisa Overdrive, Nr. 9943 © 1989

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