Obscure Shit No. 47: VELVET HUSTLER (1967)

Die einen sind auf dem Weg nach oben, die anderen haben ihren Zenit gerade überschritten – der Kommerzfilm als Abbild seiner Zeit und seiner Stars. VELVET HUSTLER ist der Auftakt zu Nikkatsus letztem Versuch, seine lange Zeit erfolgreiche Linie von aktionsbetonten Filmen wieder in die Erfolgsspur zu springen. Dank Jungstar Tetsuya Watari gelang dies auch eine zeitlang. Doch Anfang der 70er schwenkte das Studio dann doch darauf um, den Roman Porn, hauptsächlich erotische Stoffe, gerne auch schmierig, in die Kinos zu bringen, um sich sein Überleben zu sichern.

Velvet Hustler (OT: Kurenai no nagareboshi / R: Toshio Masuda / Japan, 1967)

Jô Shishido Retrospektive Film #7

Tetsuya Watari spielt Goro, einen jungen, coolen Auftragskiller. Als er für seinen Clan in Tokio einen verfeindeten Gangsterboss erledigt, muss er bei einer Gang in Osaka abtauchen. Dort widmet er sich mit seiner Freundin und einem Kumpel eher dem Nachtleben der Stadt. Allerdings hat ihn schon kurz nach seiner Ankunft ein hartnäckiger Gesetzeshüter auf dem Kieker. Dann lässt sein Gastgeber einen Diamantenhändler verschwinden, der eigentlich nach Osaka gekommen war, um auf die Schnelle einige heiße Steine zu Geld zu machen und sich von dort aus nach Übersee abzusetzen. Zudem erscheint ein weiterer Killer auf der Bildfläche (Pausbäckchen Jô Shishido), und auch die Verlobte des Diamantenhändlers (Ruriko Asaoka) kommt aus Tokio angereist, um nach diesem zu suchen. Goro hat schnell einen Narren an der schönen, jungen Frau gefressen, sehr zum Leidwesen seiner Freundin. Schnell sind alle Augen auf ihn gerichtet, der hier eigentlich jedwede Aufmerksamkeit von sich fernhalten wollte…

I’m excited. It feels like I’m drunk on fine wine. I have this feeling all the time.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Rollenname Goro schon kurz darauf wieder Verwendung fand, als Watari, nach dem Erfolg von VELVET HUSTLER zum nächsten Star der Nikkatsu-Studios aufgestiegen, seine eigene sechsteilige Yakuza-Eiga-Reihe, OUTLAW GANGSTER VIP, auf den Leib geschneidert wurde. Doch hingegen zu den Filmen, die kaum ein Jahr trennt, und den Rollen lagen im Skript der Reihe einige Jahre Knast und eine tiefere Läuterung, auch wenn die Rollen sich eine gewisse Melancholie, des Gangster- bzw. Killer-seins müde, teilen. Er blieb diesem Rollen-Typus treu, der in den 70ern dann mit Kinji Fukasakus Meisterwerken GRAVEYARD OF HONOR (1975) und YAKUZA GRAVEYARD (1976) endgültig demontiert wurde.

Nikkatsu war Mitte der 60er finanziell schwer angeschlagen und suchte nach neuen Stars. Tetsuya Watari gewann einen ihrer Fresh Face Competitions und war 1966 bereits als Leading Man u.a. in Seijun Suzukis TOKYO DRIFTER zu sehen gewesen. Für VELVET HUSTLER griff Regisseur und Co-Autor Toshio Masuda im Groben Handlungselemente seines Films RED PIER (1958) auf, in dem sich der damalige Jungstar Yûjirô Ishihara als smarter Gangster in die Schwester eines Mannes verliebt, für dessen Mord man ihn verantwortlich machen will. Beide Filme richten sich an ein eher jugendliches Publikum und legen wert auf Mode und Musik, VELVET HUSTLER sogar mehr als alles andere. Der Film zelebriert die Gemütlichkeit und Genusssucht seines jungen Antihelden, der natürlich immer wieder seine Erkennungs-Melodie pfeifend zum besten gibt. Und Osaka passt auch einigermaßen in das Schema von Nikkatus Borderless Action, als Grauzone zwischen japanischer Realität und der Fernweh der Protagonisten.

Er wirft natürlich sofort ein Auge auf die schöne Ruriko Asaoka (THE RAMBLING GUITARIST, DANGER PAYS, MR. KUGELBLITZ SCHLÄGT ZU), ihre Beharrlichkeit, seinem vermeintlichen Charme Widerstand zu leisten, macht sie für ihn nur noch attraktiver. Der Film lässt bewusst offen, ob Goro etwas mit dem Tod ihres Verlobten zu tun hat (ich bin geneigt zu sagen, er hatte nichts damit zu tun, was die Liebesgeschichte letztlich noch tragischer macht), aber durch den Umstand, dass sie sich mit der Zeit klar wird, dass 1. er ein gesuchter Killer und 2. ihr Verlobter wohl definitiv tot ist, erhebt sich ein riesiges, scharfkantiges Cliff im Meer ihrer Gefühl, was eine Landung an ihrem Ufer für Goro immer mehr erschwert, auch wenn sie seine Gefühle mehr und mehr erwidert.

Interessant ist auch die Nebenrolle Jô Shishidos, der (mal wieder) als Auftragskiller in Erscheinung tritt. Shishido war besonders durch seine Rolle als leichtlebiger Killer Joe the Ace zu großer Popularität beim Publikum gekommen, und hier wirkt es fast schon wie eine Parodie der selbigen – bei jedem Auftritt über beide Bäckchen grinsend scheint er eher belustigt vom Schicksal und der Schwermut des jungen Kollegen. Nikkatsu hatte zu der Zeit auch große Hoffnungen in ihn gesetzt, drehte 1967 gleich drei Filme mit ihm in der Hauptrolle, alle in Schwarzweiß und jedes Mal spielt er einen Killer am Ende seines Weges: in Seijun Suzukis späteren Kultfilm BRANDED TO KILL, in Yasuharu Hasebes MASSACRE GUN und dann noch in A COLT IS MY PASSPORT. Es wurde nicht sein Höhenflug, sondern sein Abgesang (unglaublich passend zu den erwähnten Filmen).

Wie schon zu erlesen, ist VELVET HUSTLER nun kein ernstzunehmender Thriller oder temporeicher Actionfilm. Er bot der jungen Zielgruppe dafür bunte, mit modischem Chic vollgepackte Bilder, flotte Musik und einen rebellischen, jungen Helden, der sich seiner Rolle in der Gesellschaft plötzlich nicht mehr so sicher ist und davon träumt, daraus auszubrechen. Die Dramaturgie hält dabei immer wieder inne, um Goro Zeit und Raum zu geben, sich ausgiebig selbst zu feiern, sich dann aber auch zu hinterfragen und sich schließlich seiner noch jungen Vergangenheit zu stellen. Die Kriminalgeschichte drumherum spielt eh mehr eine Nebenrolle. Wer also VELVET HUSTLER mehr als poppigen Jugendfilm denn ernsthaftes Gangsterstück sieht, wird sicherlich viel Spaß daran haben. Allerdings ist recht schwer an den Film ranzukommen, es gibt eine offizielle japanische DVD (ohne Untertitel), alte VHS-Versionen aus Nordamerika (mit Untertiteln), aber natürlich auch die bekannten Umwege über dubiose Onlinehändler, die eine DVD mit Untertiteln anbieten. Aber vielleicht bringt die Zukunft uns über die USA oder England ja doch noch eine vernünftige DVD-Ausgabe, die man sich guten Gewissens ins Regal stellen kann. Der Film ist es sicherlich wert.

OFDb 6.00/10 [3 Stimmen] / IMDb 6.80/10 [126 Stimmen]

2 Kommentare zu „Obscure Shit No. 47: VELVET HUSTLER (1967)

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