Obscure Shit No. 46: Rica (1972)

Ja, der letzte Eintrag zu dieser Reihe datiert aus dem Mai 2020, was auch daran liegt, dass ich setidem etwas mehr Zeit in Badmovies investiert und hierfür einfach keine Zeit hatte. Aber nun habe ich wieder etwas Zeit gefunden, die ich gerne hier verbraten würde, und dies soll dann auch den Auftakt zu ein paar Nippon Wochen bilden, in denen ich einige mal mehr, mal weniger bekannten Werken, vornehmlich aus den 60er- und 70er-Jahren hier vorstellen werde. Den Anfang machen die Filme der Rica-Trilogie.

Rica (OT: Konketsuji Rika / R: Kô Nakahira / Japan, 1972)

Der Film legt gut los, denn Titelheldin Rica findet am Strand ihre sich in Krampfanfällen windende Freundin, die gerade abgetrieben hat und nun infolge dieses illegalen Eingriffs dem Tode nahe ist. Schon kurz darauf taucht Rica bei deren Stecher auf, der sich inzwischen mit einer neuen Schlampe die Zeit vertreibt. Er hatte die Freundin bei der Nachricht von ihrer Schwangerschaft links liegen lassen und wollte auch nicht für das Wegmachen bezahlen. Rica drückt ihm ein Holzkörbchen in die Hand, in der der abgetriebene Fötus liegt. Er solle doch gefälligst wenigstens ein ordentliches Begräbnis für sein totes Kind abhalten. Danach bezieht der unwillige Strolch dann erst einmal Prügel.

Wie man hier schon sehr schön sieht, beschäftigen sich die Filme der Reihe thematisch mit ungewollten Kindern, vor allem den von der Gesellschaft ausgegrenzten Kindern amerikanisch-japanischer Eltern. Auch unsere Heldin Rica ist ein ungewolltes Nebenprodukt einer Vergewaltigung ihrer damals noch schulpflichtigen Mutter durch einige GIs. Die Schule des Lebens war hart für die junge Frau, die schon mitansehen musste, wie ihre Mutter als Amüsiermädchen für eben die verhassten amerikanischen Soldaten versumpfte, bevor sie einen Mann heiratete, der sich ganz nonchalant auch daran machen wollte, die inzwischen geschlechtsreife Rica zu belästigen. Doch die weiß sich durchaus zu wehren und so muss der geile Bock sein Benehmen beinahe mit dem Leben bezahlen. Danach lernt Rica das erste Mal das Alltagsleben in einer christlichen Erziehungsanstalt kennen, wo sie sich gleich mit dem Alphaweib unter den Mitinsassinnen anlegt. Dem kann sie sich nach kurzer Zeit schon wieder entziehen, aber ihre Abwesenheit dauert nicht lange an, da das schlagkräftige Mädel einer Gang von anderen aufmüpfigen Weibsvolk vorsteht und bald schon einen männlichen Kleingangster halb tot drischt (nämlich den am Anfang bereits erwähnten netten Zeitgenossen). Sie zieht den Ärger scheinbar immer wieder an, und so gerät sie an eine Bande von Menschenhändlern, die junges japanisches Gemüse zu Unterhaltungszwecken nach Vietnam verschifft. Und da die Welt bekanntlich ein Dorf ist, mischt hier auch ihr verhasster Stiefvater mit…

Wie man schon sieht, ist da eine Menge los, man wollte merklich klotzen und nicht kleckern. Der Film erschien über die Toho Company, die hiermit wohl Anschluss an die anderen großen Studios suchten, die schon länger auf Pinku eiga (Filme mit Vorliebe für sexuelle Themen) setzten – Toei feierte mit seinem Star Meiko Kaji und ihren Pinky Violence genannten Streifen große Erfolge, während sich Nikkatsu auf die schmierige Erotik seiner Roman Porn Filme, einer beliebten Reihe von Softcore Sexploitation, für die das Studio bis in die 80er assoziiert werden sollte. Und solche Filme fehlten noch im Portfolio der Toho, weswegen ihnen Rica wohl sehr gelegen kam, um es gleich zu einer dreiteiligen Reihe auszubauen.

Der Film mutet angesichts der vielen angerissenen Themen und vor allem einiger Zeitsprünge manchmal etwas konfus an, kommt aber immer wieder in die Spur, nur sollte man die verschiedenen Figuren (wie Ricas Stiefvater, die Widersacherin aus dem Heim, einen befreundeten Kleinkriminellen, einen durchtriebenen Unternehmer oder auch einen fiesen Gangsterboss) nicht aus Augen und Sinn verlieren, denn ansonsten könnte einem das auch mit dem inhaltlichen Faden geschehen. Und auch wenn es andere Rezensenten (so z.B. auf TheDigitalFix von 2006, die allerdings noch nicht einmal den Inhalt korrekt zusammenbekommt und dem Film Sachen an den Kopf wirft, die einfach nicht stimmen) anders sehen, halte ich RICA/KONKETSUJI REKA durchaus für einen relativ ambitionierten Exploiter. Der Film ist natürlich ziemlich auf Krawall gebürstet, die Action ist blutig, die Stimmung niederschmetternd und man lässt kaum eine Gelegenheit aus, seine Heldin nackt zu zeigen. Dennoch setzt das Drehbuch auf eine gewisse Ambivalenz und lässt die von Haus aus mit einem verständlichen Hass auf die amerikanischen Besatzer ausgestattete Rica zwei Seiten der Medaille erkennen, als ihre beste Freundin sich in einen jungen GI verliebt. Sie bringt der Beziehung zuerst nur Unverständnis entgegen, bis sie erkennen muss, dass der afro-amerikanische Soldat selbst auch nur ein Opfer eines rassistischen Systems ist, das ihn zwingt, in Übersee in den Krieg zu ziehen. Als er von Bord seines Schiffes flieht, spürt in die MP bei seiner Geliebten auf und erschießt ihn vor ihrer und Ricas Augen bei einem Fluchtversuch. Das widerspricht ein wenig dem einseitigen Amerika-Hass, den der Reviewer auf gerade verlinkter Seite etwa darin zu sehen glaubte.

Natürlich präsentiert sich RICA an anderen Stellen aber auch weit weniger feinfühlig, denn (männliche) Gangster und das organisierte Verbrechen werden hier ohne wenn und aber als fiese, frauenunterwerfende Halunken dargestellt, denen nie zu trauen ist. Und sie müssen alle dafür blutig büßen. In Sachen Gewaltdarstellung ist der Film wenig zimperlich, es wird vergewaltigt, gefoltert, verstümmelt und gemordet was die pulpige Story hergibt. Über Leerlauf kann sich der geneigte Exploitation-Fan sicherlich nicht beklagen, und damit machen Skript und Regisseur schon mal Grundlegendes richtig. Die Action glänzt dabei durch Abwechslung und ist zumeist ansprechend choreographiert, wenn auch nichts Weltbewegendes dabei rumkommt. Etwas störend empfand ich, dass hier, als Rica mal plötzlich in einen Hinterhalt gerät, natürlich doch ein Galan (der nette Kleinkriminelle) aus dem Nichts auftaucht, um ihr aus der Patsche zu helfen, was sie mit der triumphierenden Verhöhnung der überrascht geschlagenen Feinde quittiert. Aber das war ja scheinbar gang und gebe in solchen Filmen. Als einen der größten Schwachpunkte des Films könnte man Hauptdarstellerin Rika Aoki nennen, die weder großes Schauspieltalent besitzt, noch überzeugend in ihren Kampfsport-Darbietungen rüberkommt. Allerdings muss ich sagen, dass ich selbst irgendwie einen Narren an ihr gefressen habe, da sie einfach mal schnuckelig ausschaut und selbst ihre Unbeholfenheit in den Actionszenen irgendwie niedlich ist. Produzenten und Publikum waren wohl ähnlicher Meinung, ansonsten wären wohl nie die zwei Sequels entstanden.

Soweit mir bekannt, kamen die Abenteuer von RICA bisher nicht nach Europa und sind für ein westliches Publikum nur durch ältere US-DVDs, einzeln oder als Box, aus dem Hause Mediablasters erhältlich, relativ günstig zu bekommen auf den üblichen Plattformen. Bild und Ton sind für das Alter des Film ziemlich gut, der Print ist anamorph und von überdurchschnittlichem Schärfe und gutem Kontrast, allerdings macht sich ab und zu die Kompression durch leichte Blöckchenbildung und Hinterherziehen bei Kameraschwenks bemerkbar. In meinen Augen ist das aber verschmerzbar. Der japanische Ton ist gut verständlich, unterlegt von englischen Untertiteln.

Wer also auf japanische 70s-Exploitation und Pinky Violence steht, sollte unbedingt mal einen Blick riskieren, denn der erste RICA gehört zu den besseren Werken dieser Richtung. Das Drehbuch ist vollgestopft mit Ideen und Wendungen für drei Filme und das Tempo ist hoch, genauso der Sleaze- und Gewaltfaktor. Für mich eine der bisher besten Entdeckungen des noch jungen Jahres 2021.

OFDb 7.00/10 [26 Stimmen] / IMDb 6.30/10 [188 Stimmen]

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