Obscure Shit No. 44: FATIGUE (2003)

FATIGUE (R: David Barnes / Wales, 2003)

Wir haben hier mal ein schönes Beispiel dafür, dass der kreative, der schöpferische Prozess des Filmemachens manchmal gar nicht der schwierigste ist. FATIGUE ist ein semi-professioneller Thriller aus Wales, an dem die Studienkollegen David Barnes, Mark Faiers und Chris Dawson ganze fünf Jahre gearbeitet und mit jeder Hürde, die eine unabhängige Filmproduktion bereit hält, Bekanntschaft gemacht haben. Aber als der Film im Kasten, entwickelt, geschnitten und vertont war, wollte ihn keiner. Ich weiß gesichert nur von der deutschen DVD aus dem Hause I-On New Media, und dann noch von einer niederländischen. Ich gehe auch stark davon aus, dass es zumindest eine VHS und vielleicht auch mal eine DVD-Auflage im UK gab. Doch ansonsten scheint das Werk der drei ambitionierten Waliser komplett untergegangen. Grund genug, sich ihm in dieser Rubrik zu widmen.

Die Story von FATIGUE ist schnell erzählt: Mitchell (Mark Faiers) ist ein durchschnittlicher, kleiner Loser, dem das Pech an den Hacken klebt. Seine Freundin will nichts mehr von ihm wissen und der Vermieter droht mit Zwangsvollstreckung. Da kann er es nicht abschlagen, als ihm ein alter Bekannter einen lukrativen Job als Kurier vermittelt. Für einen schmierigen Gangster soll er einen Umschlag übergeben. Natürlich läuft alles schief, die Übergabe ist ein Hinterhalt. Doch Mitchell erweist sich als wehrhafter als erwartet, kann der Falle entkommen und tötet seinen Auftraggeber. In seiner Wohnung warten schon zwei Killer, derer er sich auch entledigen kann. Im Umschlag findet er wertvolle Diamanten, Unterschlupf findet er bei Ex-Freundin Rachel (Sophie Coryndron). Die hat zwar auch eher ein Auge für die Diamanten als ihn, dennoch lässt er die Edelsteine in ihrer Obhut, als er losgeht, um einen davon beim Juwelier schätzen zu lassen. Doch die Gangster spüren Rachel auf, die in einem unbeobachteten Moment geistesgegenwärtig die Steine herunterschluckt. Die Gangster fordern nun von Mitchell einen Tausch: Diamanten gegen Rachel. Der arme Tropf steht jetzt mit dem Rücken zur Wand, hat er doch die Steine gar nicht. Jetzt heißt es Mitchell gegen den Rest der Welt…

Als Offbeat-Thriller aus Wales macht FATIGUE tatsächlich eine recht gute Figur, auch wenn die Leistungen der meisten Schauspieler nicht allzu berauschend sind und sich bei genauem Hinsehen einige Anschlussfehler offenbaren. Aber der Thriller ist grimmig, fast paced und abwechslungsreich gefilmt. Der Schnitt ist rasant und der elektronische Score passend. Dazu gesellen sich in der zweiten Hälfte des Films noch ein paar herbe Gewaltszenen, die ein wenig Würze in diesen billigen Fast-Food-Cocktail bringen. Auch Hauptdarsteller Mark Faiers, eigentlich kein Schauspieler, erweist sich als charismatisch, seine Mimik als passend, genauso spielt Sophie Cryndron als Rachel gut genug, so dass man mit Mitchell mitfiebern mag, der mit der Zeit seine Vorgehensweise den Methoden der Gangster drastisch anpassen muss, was ihn selbst zu einem überaus unangenehmen und auch wenig netten Zeitgenossen macht.  Der Film steigert sich mit seinem Hauptdarsteller immer weiter in einen Rausch der Gewalt, der sich explosiv entlädt. Das ist dann kein Instant Classic, eigentlich nicht einmal ein guter Film, aber eben straf, schnell und hart genug, um über seine 81 Minuten durchaus zu unterhalten. Aber was den Film erst richtig interessant macht, offenbaren die Interviews, die die DVD parat hält und das zusätzliche, spärliche Material, was man dazu im Internet ausgraben kann, so man denn mag.

Normalerweise wäre die Geschichte hinter FATIGUE einen Lehrbucheintrag wert gewesen, über alle Art von Probleme, die der Dreh an Wochenenden und mit analogem Material mit sich bringt. Aber genauso über Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen, die für solch einen semi-professionellen, privat finanzierten Dreh notwendig sind. Und darüber, wie wenig Nischen, Trends und Qualität darüber aussagen, ob Du Deinen Film, so Du ihn beendest, dann auch tatsächlich an den Mann bringen kannst.

Mitte der 90er lernten sich Michael Barnes, Mark Faiers und Chris Dawson an der University of Fine Arts kennen. Sie einte die Liebe zum Filmemachen, und als Barnes abging, entschlossen sie sich, ernst zu machen und einen richtigen Spielfilm zu realisieren. Am meisten Erfolg versprachen, ihrer Meinung nach, Thriller- oder Horror-Stoffe. Da ein Horrorfilm aufwändige Effekt-Arbeit beinhaltet, machte der Thriller das Rennen, da sie der Meinung waren, hier auch nicht auf ausgefeilte Dialoge angewiesen zu sein, was den Laienschauspielern die Arbeit erleichtern sollte. Erfahrungen mit Schnitt-Techniken und der Inszenierung von Action-Szenen konnten sie schon während des Studiums sammeln. Für die Dreharbeiten waren gut zwei Jahre eingeplant, nach zweieinhalb Jahren sollte der Film fertig sein. Für einen Gangsterfilm sahen sie zu jener Zeit zusätzlich eine Nische, denn seit RIFIFI AM KARFREITAG/THE LONG GOOD FRIDAY (1980) hätte es keinen erwähnenswerten britischen Gangsterfilm mehr gegeben.

Sie starteten 1996 unabhängig, mit ihren eigenen Geld, und hofften, dass sie durch die gefilmten Muster Geldgeber auftun könnten – konnten sie nicht. Sie drehten auf Hi8, vor dem Siegeszug von Digital Video war das state of the art. Die Entwicklung des Films war teuer, und so kam es zu teils monatelangen Pausen zwischen den Drehs, in denen alle drei arbeiteten und versuchten, „jede Woche einen Zehner beiseite zu packen“. Die Beschaffung von Geld war zwar das größte, aber nicht einzige Problem, die Dreharbeiten zogen sich über fast sechs ganze Jahre. 2003 war der Film fertig geschnitten und vertont. Schon im Jahr 2000 waren sie in Cannes gewesen, in der Hoffnung, den Film durch einen Teaser zu verkaufen. Sie hatten diesen Aufenthalt genutzt, um eine TV-Dokumentation über ihre Bemühungen zu drehen. Drei Jungs aus Cardiff, die in Zelten an der Strandpromenade nächtigten, versuchten hier zwischen den angesagten Stars und der Presse einen walisischen Gangsterfilm an den Mann zu bringen. Ohne Erfolg. Auch als der Film fertig war, sah es düster aus, ob im UK, in Los Angeles, kein Interesse. Die Nische war inzwischen besetzt, 1998 schlug BUBE, DAME, KÖNIG, GRAS/LOCK, STOCK AND TWO SMOKING BARRELS von Guy Ritchie hohe Wellen, englische Gangster galten damals sogar als trendy. Doch FATIGUE hatte im Wettbewerb keine Chance, da die großen Studios ihre eigenen Gangsterfilme drehen ließen und so die Nachfrage befriedigten.

Wie schon gesagt, die Geschichte von FATIGUE hätte eine prima Lektion in einem Lehrbuch darstellen können. Doch selbst dafür kam er zu spät. Denn als er 2003 fertig war, drehten die meisten Nachwuchsfilmer schon digital. Die Probleme, einen Film der Öffentlichkeit zu präsentieren, wurden spätestens mit YouTube 2006 obsolet. Solch semiprofessionellen Filme zu drehen, geht heute schneller, ist billiger, und wenn sich kein Vertrieb findet, übernimmt man ihn über einen Online-Shop erst einmal selbst. Barnes, Faiers und Dawson dürfen zwar mit Recht stolz auf ihre Arbeit sein, denn alleine die Fertigstellung des Films war ein Sieg über die Widrigkeiten. Dass er noch durchaus ansehbar geraten ist, stellt dabei nur das Sahnehäubchen dar. Aber tatsächlich habe ich, wie eingangs schon erwähnt, nur zwei DVDs des Films finden können, zum einen die deutsche DVD von I-On New Media sowie einer aus den Niederlanden. Den Sprung ins HD-Zeitalter wird FATIGUE leider nicht schaffen, da das verwendete Material dies leider nicht hergibt. Aber es ist schön, sich solch einen Film zuhause ansehen und danach in den Interviews den Geschichten lauschen zu können, die die drei Jungs aus Cardiff dazu erzählen können. Und das ist doch auch schon etwas. Es kann halt nicht jeder der nächste Raimi oder Jackson sein.

OFDB 5.03/10 [36 Stimmen] / IMDb 4.70/10 [71 Stimmen]

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