Obscure Shit No. 43: DEMENTED/RACHE UM JEDEN PREIS (1980)

RACHE UM JEDEN PREIS (OT: Demented / R: Arthur Jeffreys / USA, 1980)

Es gibt Filme, von denen wusste man gar nicht, dass man sie gesehen haben will. Und es gibt Filme, von denen man später weiß, sie nicht unbedingt gesehen haben zu müssen, auch wenn man bis vor kurzem gar nicht wusste, dass es sie gibt. Oder so ähnlich. RACHE UM JEDEN PREIS ist so ein Fall. Es ist einer der wenigen Filmen, in denen man 70s-Pornostar Harry Reems in einer normalen Rolle schauspielern sehen darf. Und ich nehme es mal gleich vorweg – der Film ist wirklich nur für Leute interessant, die Harry Reems mal schauspielern sehen wollen, und das nicht nur zwischen den Fick-Szenen. Jetzt werden sich manche fragen, wer will das schon? Und ganz andere werden fragen, wer zum Teufel ist Harry Reems?

 

Und deswegen fangen wir auch erst einmal damit an. Harry Reems († 2014) wurde berühmt mit dem Pornofilm DEEP THROAT (1972), der durch einen Hype, ja, das gab es damals schon, für lange Schlangen vor den Kinos sorgte, so wie STAR WARS fünf Jahre später, und damit ein riesiger Erfolg wurde. Er handelte davon, dass eine Frau, gespielt von Linda Lovelace – im Biopic LOVELACE wird sie übrigens von Amanda Seyfried verkörpert -, keinen Orgasmus bekommen kann. Eine arme Frau, fürwahr, doch dann stellt ein Arzt, gespielt von Reems, fest, dass ihre Klitoris nicht in ihrer Vagina, sondern in ihrem Rachen sitzt. Folglich empfindet sie nur sexuelles Vergnügen, wenn sie die gleichnamige Sexualtechnik anwendet, bei der sie das Glied tief in ihrem Rachen versenkt. Die Rahmenhandlung bietet also reichlich Gelegenheit, um Oralverkehr auf die Leinwand zu bringen, aber auch für einige teils recht nette Gags. DEEP THROAT machte Pornofilme damals beinahe im Alleingang salonfähig und spülte gerüchteweise weit mehr als 100 Millionen Dollar alleine in den USA in die Kinokassen. Das lässt sich leider nicht mehr genau eruieren, da das meiste davon wohl über verschlungene Wege in den Taschen von zwielichtigen Geldgebern aus dem Mafia-Milieu verschwand.

Harry Reems spielte in den 70ern und 80ern in ein paar Dutzend Hardcorefilmen sowie einigen mehr oder weniger schlüpfrigen Komödien. Seine Filmographie schmücken, meines Wissens nach, nur zwei Filme abseits der Erotik-Branche, in denen er eine tragende Rolle gespielt hat. Einer davon ist der obskure Nazisploitation-Film SS OPERATION WOLF CLUB (1980) von Erotik- und Pornofilmer Joseph W. Sarno, womit die Vermutung nahe liegt, dass auch dieser Film den vertrauten Metier von Reems sehr nahe liegt. Und der andere ist der hier vorliegende RACHE UM JEDEN PREIS aus denselben Jahr. Wer weiß, vielleicht wurde ja versucht, die Marke „Harry Reems“ auszubauen? Wir haben es hier jedenfalls mit einem Vertreter des Rape’n’Revenge zu tun.

Die arme Linda Rodgers wird gleich zu Beginn des Films von vier maskierten Männern überwältigt und vergewaltigt, was zwar nur kurz, aber doch recht derb präsentiert wird. Nach einigen Monaten Therapie kommt sie wieder nach Hause zu ihrem Mann Matt, der von Harry Reems gespielt wird. Der hat allerdings inzwischen etwas mit der Stripteasetänzerin Carol laufen und trägt sich mit dem Gedanken, seine Frau, soweit es ihr besser geht, zu verlassen. Linda wird jedoch weitergehend von Alpträumen und Angstzuständen gepeinigt, und da Matt, der als Chirurg eh lange Schichten im Krankenhaus schiebt, die dann für Schäferstündchen mit Carol dann auch gerne mal verlängert werden, kaum zu Hause und für sie da ist, verfällt sie mehr und mehr in Depressionen. Zusätzlich wird sie auch noch von vier Jungen aus ihrer Nachbarschaft belästigt, die sich maskieren und ins Haus eindringen, während Matt weg ist. Da sie dabei aber keinerlei Spuren hinterlassen, wird sie von Polizei wie auch Ehemann nicht ernst genommen. Das schaukelt sich dann mit der Zeit hoch, der Showdown lässt auch lange auf sich warten. Der geneigte Fan des Genres hat ja auch Geduld, da am Ende die große Abrechnung winkt, in der die Peiniger, hier die vier Jungen stellvertretend für die vier Vergewaltiger, die noch hinter schwedischen Gardinen verweilen, ihr Fett abbekommen, und das normalerweise nicht zu knapp. Doch das Finale fällt hier leider vergleichsweise ernüchternd aus.

Insgesamt gebiert sich dieser Film als eher dröges Psycho-Drama, wobei weder Drehbuch noch Darsteller diesen Ambitionen gerecht werden können. Es scheint fast so, dass sich Hauptdarstellerin Sallee Young redlich müht, möglichst unsympathisch und nervig zu wirken, so dass man geneigt ist, die Bestrebungen ihres Manns, sie zu verlassen, als verständlich abzunicken. Es ist natürlich ein hartes Brot, einen großen Teil des Films auf den Schultern tragen und quasi im Alleingang bestreiten zu müssen. Erst im Finale, in den letzten 10 Minuten, wenn bei ihr alle Sicherungen durchknallen, kann sie zumindest ansatzweise überzeugen. Too late, too little. Außerdem bleibt auch dort das meiste der Fantasie des Zuschauers überlassen, immer, wenn ein Schockmoment mit blutigen Details droht, wird brav gegengeschnitten. Dagegen bieten die Szenen mit Harry Reems eine geradezu willkommene Abwechslung. Wenn er mit seiner Geliebten am Schnackseln ist und sie ihn dabei löchert, wie viel er verdient und ob er denn auch ein paar Hollywood-Stars kenne, da darf man schon mal schmunzeln. Aber im Endeffekt erweist sich der Streifen als weder spannend, noch mitreißend oder gar schockierend. Regisseur Arthur Jeffreys, über den es abseits dieses einen Films auch nichts weiter zu berichten gibt, und Autor Alex Rebar, der zuvor den unglaublichen Schmelzmann in DER PLANET SATURN LÄSST SCHÖN GRÜSSEN (1977) spielte, haben sich schlicht damit verhoben, statt eines schnittigen Reißers dieses drömelige Drama zu inszenieren.

RACHE UM JEDEN PREIS ist also nur für Filmverrückte und Allesseher (oder beinharte Harry-Reems-Fans) interessant, die einfach alles mal mitgenommen haben müssen, was obskur und schräg scheint. Der Film ist in Deutschland auf VHS erschienen, war, warum auch immer, die üblichen 25 Jahre lang indiziert. In den USA erschien der Streifen vor einiger Zeit auf DVD und Blu-ray aus dem Hause Scream Factory, was sogar für Qualität bürgt. Wer also nicht an sich halten kann, wird bestimmt in deren Online-Shop oder den bekannten Exportseiten fündig.

OFDB 4.09/10 [11 Stimmen] / IMDb 3.9/10 [432 Stimmen]

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