Obscure Shit No. 38: GATE OF FLESH (1964)

GATE OF FLESH (OT: Nikutai no mon / Regie: Seijun Suzuki / Japan, 1964)

Jô Shishido Retrospektive Film #5

Die Betrachtung der Filme mit Jô Shishido in der Hauptrolle bringt einen unweigerlich auch zu seinen Arbeiten mit dem Exzentriker Seijun Suzuki, denn diese zählen sicherlich zu den interessantesten in seinem Œuvre. Und je nachdem, wen man fragt, soll das Melodram GATE OF FLESH der beste darunter sein (oder eben der viel geachtete BRANDED TO KILL).

Nachdem die Kapitulation des japanischen Kaiserreiches am 2. September 1945 das Ende des zweiten Weltkriegs auch an der asiatischen Front eingeleitet hat, liegt die Metropole Tokio wirtschaftlich am Boden. Maya (Yumiko Nogawa), deren Bruder nicht aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt ist, schließt sich einer Gruppe von Prostituierten an, die sich gegenseitig helfen. Ihre einzigen Regeln sind, dass sie sich keinem Zuhälter unterwerfen, ihr Revier verteidigen und nie und unter keinen Umständen ihren Körper umsonst einem Mann hingeben.  Als Strafe drohen körperliche Züchtigung und Verbannung aus Haus und Revier. Die Zwangsgemeinschaft der Frauen wird auf die Probe gestellt, als man es dem Dieb Shintaro (Jô Shishido), der von den amerikanischen GIs wegen Mordes gesucht wird, gestattet, sich bei ihnen zu verstecken. Alle beginnen mit dem „Mann im Haus“ zu flirten, besonders Maya fühlt sich zu dem Außenseiter hingezogen…

Die Geschichte von GATE OF FLESH, einer Roman-Verfilmung nach Taijiro Tamura, konzentriert sich ganz auf die von der Zwangsgemeinschaft der jungen Frauen notwendige Trennung von Sex und Liebe. Dahinter steckt die Angst, sich von Männern abhängig zu machen und so auch im Privaten darum kämpfen zu müssen, die Bedürfnisse des Lebens wie Essen und Unterkunft zu befriedigen. Deswegen lautet die Maxime der Gruppe, sich weder an einen Liebhaber noch an einen Luden zu binden, um weder ihre Dienstleistung unbezahlt zu lassen noch den Verdienst aus der Hand geben zu müssen. Für sie ist beides gleich, denn in Beziehungen mit Männern hat die japanische Frau dem Mann unterwürfig zu sein. Nur eine von ihnen gibt offen zu, sich nicht von den traditionellen Werten lossagen zu wollen, und läuft weiter wie eine gute Hausfrau herum. Sie ist es auch, die später als erstes gegen den Kodex verstößt und die demütigende Strafe durch ihre „Schwestern“ über sich ergehen lassen muss.

In dem Verhalten der Frauen Shintaro gegenüber bemerkt man schnell, dass sie alle die Liebe und Zuneigung, die sie aus Selbstschutz strikt ablehnen, vermissen. Ihre Art mit ihm zu flirten, wirkt spielerisch. Seine Weigerung, für Sex zu bezahlen, macht ihn für sie dabei umso begehrenswerter. Dass hier heruntergespielte Sehnsüchte, nicht nur bei Maya, geweckt werden, offenbart sich in immer wieder auftretenden Eifersüchteleien. Jô Shishido gefällt sich in der Rolle des Hahns im Korb, er interessiert sich auch nicht dafür, Geld oder Liebe von den Mädchen zu erhalten. Er selbst spielt die Rolle des harten Kerls nur, innerlich ist er am Ende, da er weiß, dass er sich der Militär-Polizei kaum auf ewig entziehen kann, solange er in Tokio verweilt. In Maya erkennt er eine verwandte Seele, die wie er dem Elend entfliehen will. Sie ist noch nicht so abgestumpft und zynisch wie die anderen Mädchen.

Der zugrundeliegende Roman wurde zuerst 1948 verfilmt. Auch 1977 und 1988 erschienen Adaptionen, zuletzt eine darauf basierende TV-Serie von 2008. GATE OF FLESH wurde von Anfang an als Adult Movie geplant und enthält für seine Zeit provokative Nackt- und Gewaltszenen, weswegen die Produzenten für die weiblichen Hauptrollen hauptsächlich Schauspielerinnen von außerhalb des Studios casten mussten. Einzig Kayo Matsuo (VELVET HUSTLER, OKAMI – AM TOTENFLUSS) war eine Nikkatsu-Vertragsschauspielerin. Maya-Darstellerin Yumiko Nogawa spielte danach auch in Suzukis STORY OF A PROSTITUTE (1965), einer weiteren Verfilmung nach Taijiro Tamura, genauso Kayo Matsuo.

Wie bei anderen Produktionen von Nikkatsu waren Produktionsmittel und Drehzeit sehr begrenzt, es musste außerdem alles im Studio gedreht werden. Also improvisierte Regisseur Seijun Suzuki und schickte seine Crew heimlich nachts ins Studio, um aus Überbleibseln anderer Produktionen Bauten und Hintergründe für seine Sets zusammenzubasteln. Das Ergebnis war ein sehr künstlicher, theatralischer Look, den Suzuki durch den ausgiebigen Einsatz von Primärfarben noch verstärkte. Im Endergebnis passt dies sehr gut zu dem schwülstigen Melodram der erzählten Geschichten und den recht einseitig charakterisierten Figuren, es bildet einen guten Kontrast zu dem eher düsteren historischen Hintergrund. Gerade die Szenen von überbordender Emotionalität, aber auch von Folter und Gewalt verleiht Suzuki so eine sehr surreale Note. In späteren Filmen wie TOKYO DRIFTER erhob er diese stark stilisierte Form dann über den dünnen Inhalt, bis er in BRANDED TO KILL schließlich die Geschichte nurmehr fragmentarisch wiedergab, was ihn später Kult-Status einbrachte, ihm 1967 aber seinen Job bei Nikkatsu kostete. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

In Deutschland lief GATE OF FLESH zuerst als NAKITO – PROFIS DER LIEBE 1968 im Kino an. Auf DVD ist er u.a. in einer empfehlenswerten Edition (O-Ton, anamorph) von Criterion in den USA veröffentlicht worden. Leider ist diese schon lange vergriffen. Auch in England erschien der Film auf DVD, allerdings nur Letterboxed.

OFDB 7.20/10 [20 Stimmen] / IMDb 7,4/10 [2.604 Stimmen]

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