Obscure Shit No. 31: A COLT IS MY PASSPORT (1967)

A COLT IS MY PASSPORT (OT: Koruto wa ore no pasupooto / Regie: Takashi Nomura / Japan, 1967)

Jô Shishido Retrospektive Film #2

1967 war rückblickend sicher ein denkwürdiges Jahr in der Karrier von Jô Shishido. A COLT IS MY PASSPORT war der erste von drei Filmen dieses Jahres, in denen er einen Killer spielt, der am Ende seines Weges angekommen scheint. Das ist angesichts seines Rollen-Typus nun nichts außergewöhnliches, er gab damals fast immer einen Gangster und gefühlt war jeder zweite davon auch ein Auftragskiller. Allerdings war es ein Film in Schwarz-Weiß, was von Anfang an eine melancholische Schwere über ihn legte. Die folgenden Filme, BRANDED TO KILL und MASSACRE GUN, sollten es ihm gleich tun.

Shishido ist Shûji Kamimura, ein wortkarger Profi, an den ein dringlicher Auftrag mit kleinem Zeitfenster herangetragen wird. Er nimmt an, auch wenn er die Geschwätzigkeit des Mittelsmannes sichtlich als störend empfindet. Nach kurzer Vorbereitung für einen Rückzugsplan und Rücksprache mit seinem jungen Assistenten Shun, gespielt von Jerry Fujio, bringt er den Job ohne großes Federlesens hinter sich und erschießt den ansonsten schwer erreichbaren Yakuza-Boss Shimazu während eines Treffens. Was Shûji nicht weiß, ist, dass auf diesem Treffen auch der Sohn des Bosses zugegen war. Und obwohl der Auftrag durch ihn ergangen war, fühlt er sich durch den Mord vor seinen Augen brüskiert. Um nicht das Gesicht zu verlieren, lässt er nun nach dem Killer suchen. Es dauert nicht lange, und die gefälschten Ausweise der beiden Auftragsmörder sind nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt sind. Ihr Vermittler, Boss Ottawara, einigt sich schnell mit dem jungen Shimazu darauf, seine einstigen Schützlinge aus dem Weg zu räumen, bevor sie die Gegend verlassen können. Seine rechte Hand Tsugawa soll dem Shimazu-Gesandten Senzaki zur selbigen gehen. Nun sitzen Shûji und Shun in dem heruntergekommenen Hotel Nagisakan fest, und langsam wird ihnen klar, dass sie abgesägt wurden. Doch der abgeklärte Killer hat die Aufmerksamkeit der Angestellten Mina erregt. Sie sieht in ihm eine Möglichkeit zur Flucht, denn sie hat Angst. Wie die alte Otatsu, die den Laden seit einer halben Ewigkeit führt, will sich nicht enden. Sie ist schon einmal einem Milieu entflohen, dem der Fischer und Schmuggler. Und die Kontakte in dieses Milieu sollen ihnen nun eine sichere Passage aus der Sackgasse, die Yokohama für sie alle darstellt, verhelfen.

Als A COLT IS MY PASSPORT begann, war ich, gelinde gesagt, etwas erstaunt. Ich wähnte mich gar im falschen Film, denn das musikalische Thema, das Komponist Harumi Ibe ihn angedeihen ließ, könnte auch genauso einem Italo-Western zur Ehre gereichen. Ich wusste ja, dass die Japaner sich in dieser Zeit auch an fernöstlichen Western versucht hatten, auch Jô Shishido feierte einen seiner ersten großen Erfolge als Revolverheld in FAST DRAW GUY (1961), doch hätte ich ein solches Thema nicht bei einem Gangsterfilm erwartet. Im nachhinein erwies sich dies aber dennoch als ziemlich passend, da sich der Film dann doch einiger Western-Motive bedient. Die Coolness von Kamimura stünde auch einem Clint Eastwood gut zu Gesicht, das Hotel im Nirgendwo am Rande der Stadt als Rückzugsort (und Endstation) für verlorene Seelen könnte auch an der mexikanischen Grenze stehen. Der Höhepunkt ist am Schluss dann auch stilecht ein Duell im Morgengrauen. Es ist dazu noch ein gutes Beispiel für die Borderless Action, die Nikkatsu in seinen Filmen zelebrierte. Der Ort des Geschehens scheint vom alltäglichen Japan losgelöst, auch der anliegende Hafen mit den Schmugglern offenbart sich als eigene Welt mit eigenen Gesetzen, in der selbst die Yakuza nichts zu sagen haben. Dazwischen präsentiert sich A COLT IS MY PASSPORT als spannender Noir-Krimi, unterlegt mit zeitgenössischer Jazz-Musik. Der Spannungsaufbau ist spröde und die Gewalt entlädt sich in kurzen, unangenehmen Schüben.

Kimamura ist trotz der unglaublichen Anspannung, in die Ecke gedrängt und zum Abschuss freigegeben zu sein, die Ruhe selbst. Wenn der jüngere Shun nervös wird und Bedenken äußert, entgegnet der abgeklärte Profi, dass man sich nicht das erste Mal in solch einer Situation befindet und bisher immer dort herauskommen konnte. Und wenn Kimamura Pläne zu entwickeln und vorzubereiten gedenkt, dann schiebt er ihm auch schon mal eine Schlaftablette unter. Die Konstellation dieser Partner gibt dem Zuschauer reichlich Identifikations- wie auch Reflektionsfläche.Jerry Fujio erscheint in seiner Ängstlichkeit nahbarer als sein Kompagnon. Er repräsentiert den normalen Menschen, der die Angst als Instinkt des Selbstschutzes nutzt. Dagegen ist Jô Shishido das unnahbare Idol. Zu ihm kann Shun, und auch der Zuschauer, aufschauen und sich wünschen, genauso cool und analytisch zu sein. Mina gibt sich zwar stets zielstrebig und abgeklärt, sie sucht von Anfang an direkten Kontakt zum introvertierten Killer, doch merkt man ihr an, dass ihre Nerven zum Reißen angespannt sind; sie bebt förmlich, kann es aber gut kaschieren. Chitose Kobayashi liefert eine famose Leistung ab, lässt ihre Gefühle auch ohne viele Worte spürbar werden. Zusammen ergeben die drei eine Zwangsgemeinschaft, die ihre Hoffnung aus dem puren Willen schöpft, sich aus eigener Kraft aus der Umklammerung der nahenden Killer (oder der zermürbenden Routine) zu befreien.

A COLT IS MY PASSPORT ist ein unterkühlter Thriller, der von seinen souveränen Darstellern, einer abwechslungsreichen Kamera-Arbeit und dem ernüchternden Schwarz-Weiß lebt. Letzteres ist gewiss auch der schwindenden Finanzkraft des Nikkatsu Studios, das ansonsten für seine bunten Kulissen mit vielen Statisten bekannt war, geschuldet, unterstreicht aber, wie eingangs erwähnt, die fast schon niederschmetternde Atmosphäre. Für Jô Shishido war es der Beginn seiner Ehrenrunde, ein Abgesang. Drei herausragende Filme hielt das Jahr 1967 für ihn parat, alle drei in Schwarz-Weiß. Danach sank sein Stern, die Hauptrollen blieben aus, und er verdingte sich schon bald im Fernsehen. In diesem Film stellte er sich noch mit einer eisernen Überzeugung seinen Gegnern zum Showdown im Morgengrauen. Er hatte vor zehn Jahren noch um einen Platz in der Nikkatsu Diamond Line gekämpft, hatte als Joe the Ace oder Joe of Spades oftmals den lachenden Helden gegeben. Davon war in diesen Rollen nichts mehr übrig geblieben, es war, als hätte er seinen Kampf, sich Kraft seines Willens im Rampenlicht zu behaupten, endgültig mit in die Filme getragen.

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