Lone Star (John Sayles, 1996)

Puh, was soll man sagen? Das Sensationalistische, das Spekulative ist John Sayles sichtbar fern. LONE STAR ist ein Krimi-Drama, das zwar den Krimi nie aus den Augen verliert, aber sein Hauptaugenmerk auf das Drama legt.

Irgendwo, irgendwann am Arsch der Welt

Der Schauplatz ist ein kleines Grenz-Kaff in New Mexico; ein Skelett wird gefunden, vierzig Jahre lag es in der Wüste. Es könnte gut sein, dass dies die Gebeine des alten Sheriffs Wade sind. Die Suche nach der Wahrheit konfrontiert den jetzigen Sheriff Sam Deeds mit der Vergangenheit des Ortes und auch seiner eigenen Familie. Die Ermittlungen treiben ihn dazu, nicht nur am Legendenstatus seines eigenen Vaters, den Wade nachfolgenden Sheriffs Buddy Deeds, zu zweifeln, sondern auch mit aller Macht und gegen alle Widerstände daran zu rütteln. Er reißt nicht nur eigene alte Wunden auf, auch andere Leute in der Stadt geben nur widerwillig Einblicke in die Geschehnisse vor vierzig Jahren, die sie selbst geprägt haben.
Sayles beginnt seine Erzählung mit zwei Männern in der Wüste; der eine katalogisiert Pflanzen, der andere Gestein. Bei dieser monotonen Beschäftigung, die sie sehr ernst nehmen, stoßen sie auf das Skelett. Genauso gestaltet sich die Suche von Sam nach der Wahrheit wie ein Abklopfen von Büschen und den Heben von Steinen, um zu sehen, ob dort irgendetwas zum Vorschein kommt. Oft genug scheucht er dabei etwas auf, doch die Zeitzeugen scheinen wie verschreckte Schlangen, die ihn anzischen und von dannen ziehen.

Chris Cooper inspeziert den Fundort des Skeletts in der Wüste
In der Ödnis findet man ein Skelett zwischen Kakteen und Steinen © Warner Home

Immer wenn es einen Teil der damaligen Geschichte zu erzählen gibt, vollzieht der Film einen Zeitsprung. Wir sehen Charlie Wade, einen rassistischen und gewalttätigen Despoten, wie er unter den Augen seiner argwöhnischen Deputies, allen voran Buddy Diggs, die Einwohner der Stadt schikaniert und abkassiert. Nicht ganz so weit in der Vergangenheit liegen die Rückblicke auf Buddy, nun Sheriff, der, als anderes extrem, jedem hilft und dafür die Hand aufhält. Jeder, den Sam spricht, wünschte Charlie Wade den Tod und hob Buddy auf ein Podest. Sam, der seinen Vater in nicht ganz so positiver Erinnerung hat, weil er ihn von seiner Jugendliebe fernhielt, selbst eine Geliebte unterhielt und auch nichts dafür tat, dass sich die in ihren ethnischen Nischen hóckenden Einwohner aufeinander zugingen, fühlt sich immer mehr darin bestätigt, dass die Last seines Erbes nicht nur schwer, sondern auch schmutzig ist. Selbst heute leben die Leute hier neben- statt miteinander, was er seinem Paps zuschreibt. Umso sturer die Befragten sich stellen, umso verbissener ermittelt Sam und versucht schließlich sogar, mit Gewalt am Podest seines Vaters zu rütteln. Und erwartungsgemäß erweist sich die Wahrheit, die er allmählich ans Tageslicht fördert als eher schwer verdaulich und nicht das, was er erwartet oder vielleicht sogar erhofft hatte

In der Ruhe liegt die Kraft

Die langsame Erzählung von Sayles fordert dem Zuschauer einiges an Geduld ab, belohnt ihn dafür mit detaillierten Einblicken in die Charaktere der Menschen und die Umstände, unter denen sie so wurden. Der Film zeichnet sich durch eine gute Beobachtungsgabe aus und seiner eingehenden, allumfassenden Schilderung der Sachverhalte. Es geht nicht nur um die Bürde, in die Fußstapfen des Vaters zu treten, sich mit den Sünden der Väter/Mütter (Buddy war hier nicht der einzige) zu konfrontieren, sondern auch um Vergebung und Aussöhnung, um Akzeptanz. Sayles thematisiert den Rassismus im Alltag, die Problematik mexikanischer Grenzgänger, die Perspektivlosigkeit, mit der man in dieser trostlosen Gegend, am Arsch der Welt, aufwächst. Die einzige Art, hier Karriere machen zu können, scheint als Gesetzeshüter oder Soldat in der nahe gelegenen Garnison. Und dann auch nur innerhalb derer klar abgesteckter Grenzen.

Kris Kristofferson kontrolliert das Grenzland
Kris Kristofferson hat als Sheriff Wade seinen Spaß bei den Kontrollen im Grenzland © Warner Home

In der Hauptrolle brilliert Chris Cooper als Sam, die Rückblenden werden von Kris Kristofferson als fiesen Wade dominiert, während Matthew McConaughey als Buddy ein wenig hinterhinkt. Auch der Rest des Ensembles ist handverlesen (u.a. Elizabeth Pena, Joe Stephens, Gabriel Casseus, Clifton James, Joe Morton und Frances McDormand in einer kleinen Rolle als Sams überdrehte Ex-Frau) und überzeugend. Sayles Drehbuch war zurecht für den Oscar nominiert (und musste sich 1997 FARGO geschlagen geben), denn es erzählt die komplex angelegte Geschichte unaufgeregt und ruhig, so dass man nicht so schnell den Überblick verliert. Doch der Zuschauer wird trotzdem gefordert, muss aufmerksam bleiben, um alles erfassen zu können.

LONE STAR ist so etwas wie ein Gegenentwurf zu etwa den Coen-Brüdern, die in Filmen wie FARGO oder NO COUNTRY FOR OLD MAN ihre großen Geschichten auch eher ruhig erzählen. Doch bei Sayles gibt es keine skurrilen Figuren, keine überraschenden Zufälle, keine spekulative, comichafte Gewalt oder gezielt gesetzte Wendungen, die den Spannungsbogen unterstützen. Bei ihm gibt es nichts als die ungeschminkte Wahrheit, die folgerichtig, wie auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte, langsam freigelegt wird. Und das geschieht bei ihm entsprechend unspektakulär, aber nicht weniger meisterhaft.

OFDB / IMDb / Wikipedia

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