Obscure Shit No. 27: Blut auf dem Asphalt

Es ist schon wieder viel zu lange her, dass ich diese Rubrik bediente. Heute gibt es dafür aber auch einen schönen Vertreter des vergessenen Films. Der französische Krimi FLICS DE CHOC von 1983, der im Kino der DDR korrekt übersetzt, aber um mehrere Minuten gekürzt, als SCHOCKPOLIZISTEN lief, erreichte den Westen der Republik nur auf VHS, allerdings in der gleichen Fassung, die man „drüben“ im Kino bestaunen durfte, verpasste dem Streifen aber einen vermeintlich ansprechenderen Titel:

BLUT AUF DEM ASPHALT (1983)

Zwei junge Frauen, Sylvia (Laetitia Gabrielli) und Marie-Christine (Anne Tihomrioff), büchsen aus ihrem wohlbehüteten Zuhause aus, um das Leben in der Großstadt zu genießen. Dabei geraten sie an den sinistren Straßenmusiker Johnny (Philippe Leliévre), der die beiden an Mädchenhändler verschachert. Bei einem Verkehrsunfall können sie jedoch wieder den grausamen Grabschern der Ganoven entkommen. Während Kommissar Beauclair (Pierre Massimi) mit seiner Einheit eine Task-Force bildet, um den Verbrecher-Ring auszuheben, sollen die Mädchen in einem TV-Interview ihre Geschichte erzählen. Marie-Christine fällt abends zuvor in der Villa ihrer Eltern jedoch dem Mordanschlag eines schwarzgekleideten Motorradfahrers zum Opfer. Sylvia bestreitet das Interview alleine, erzählt davon, wie sie in einer Villa aufwachten und von einer gehbehinderten Frau, die nur La Maitresse (Mylene Demongeot) genannt wird, in ihre neue Welt eingeführt wurden. Es gab dort so etwas wie ein Varieté mit Sex-Einlagen, und bei der Show konnten sich die betuchten Kunden ihre Mädchen auswählen. Als sie an einen anderen Ort gebracht werden sollten, um dort für ihre Arbeit als Sex-Sklavinnen geschult zu werden, geriet der Fahrer in einen Unfall, und sie konnten fliehen. Nach der Aufzeichnung des Interviews wird Sylvia, trotz Polizeischutz, vom Motorradfahrer in Schwarz erschossen.

Obscure Shit 27 Blut auf dem Asphalt Screen 01
Der böse schwarze Motorradfahrer, der Schrecken ohne Gesicht

Beauclair versteht nun keinen Spaß mehr und intensiviert die Untersuchungen. Er gibt seinen Leuten Wanda Romanoff (Chantal Nobel), Gratien Scorda (Jean-Luc Moreau), Philippe Audray (Pierre Banderet) und dem Straßenkriminalitäts-Experten F.T.N. (Marc Chapiteau) komplett freie Hand bei der Beschaffung von Informationen. Sie können Johnny auftun, der aber dicht hält. Bei Barbara (Catherine Lachens), einer Bardame, die sie heftig unter Druck setzen, haben sie mehr Glück. Von ihm bekommen sie die Adresse eines Zuhälters, der mit den Verbrechern Geschäfte macht. Doch das Informationsnetz des Mädchenhändler-Rings ist eng gestrickt, und so kommt ihnen der schwarze Motorradfahrer zuvor. Außerdem scheinen die Verbrecher durch ihren erlauchten Kundenkreis gute Verbindungen nach oben zu haben. Beauclair nimmt zerknirscht zur Kenntnis, dass man den Fall nur bis zu den schon im TV-Interview genannten Umständen aufgeklärt sehen möchte…

Obscure Shit 27 Blut auf dem Asphalt Screen 02
La maitresse oder auch Comtessa; die deutsche Synchro ist sich da uneins

Das kennen wir doch irgendwoher?

Wer bei Mädchenhändler-Ring, Motorradfahrer und abgeblockten Ermittlungen jetzt an einen anderen Film aus Italien denkt, ist damit nicht allein. Schon als der dunkel gewandete Killer das erste Mal im Film auftauchte, fühlte auch ich mich unweigerlich an DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER/LA POLIZIA CHEDE AIUTO (1976) von Massimo Dallamano erinnert. Inwieweit sich Drehbuchautor Jean Ardy und Regisseur Jean-Pierre Desagnat (KEINE ROSEN FÜR OSS 117, ENDE EINER FLUCHT) am italienischen Krimi-Klassiker orientierten, ist schwer zu sagen. Denn die offizielle Vorlage lieferte eine in Frankreich populäre Reihe von, dem Vernehmen nach, schundig-brutalen Polizei-Romanen. Unter dem Oberbegriff Flics de choc erschienen zahlreiche Kriminalgeschichten, die zugrundeliegende in diesem Fall heißt „Piege pour fugueses“ (heißt soviel wie „Gefangene Ausreißer“) von Serge Jacquemard, der ein paar Dutzend dieser Dinger geschrieben hat. In den 90ern erschienen noch drei weitere Fälle der SCHOCKPOLIZISTEN als TV-Filme.

Obscure Shit 27 Blut auf dem Asphalt Screen 03
Kommen wir jetzt ins Fernsehen?

Hauptsache nackte Haut und Gewalt

Sei es drum, den Vergleich mit Dallamanos kleinem Meisterwerk hält BLUT AUF DEM ASPHALT zu keiner Sekunde stand. Der augenscheinlich kostengünstig inszenierte Film tut sich damit schwer, Sympathieträger aufzubauen. Am nächsten wären dem die beiden entführten Mädels gekommen, aber die überleben die erste halbe Stunde des Films leider nicht. Und die Task-Force um Beauclair gibt sich alle Mühe, in möglichst schlechtem Licht dazustehen; ihr Schutz erweist sich als schlechter Witz, wenn der Killer ohne Probleme an Sylvia heranfahren und das Feuer auf sie eröffnen kann, und bevor ihr Geleitschutz überhaupt reagiert, ist er längst wieder weg. Könnte man die Ermittlungsmethoden des Teams anfangs noch milde als „rüde“ umschreiben, droht man später einer Bardame sogar mit Vergewaltigung, um einen Namen aus ihr herauszubekommen. Man kann allerdings nicht behaupten, dass ihnen die Ergebnisse letztendlich in ihren Schoss kullern, aber dass man nicht schon früher dort angesetzt hat, wo man dann auch brauchbare Informationen extrahieren kann, nämlich beim Unfall und der Flucht der Mädchen, steht dabei auch in den Sternen (der Film wäre wohl einfach zu schnell vorbei gewesen, gelle). Das ganze Hin und Her ist dann auch nur leidlich spannend. Nur ein paar kleinere Prügeleien und Verfolgungsjagden auf mäßigem Niveau lockern das Geschehen auf. Ansonsten konzentriert man sich auf Vulgarismen sowie spekulatives Nudity & Violence. Der Tod des Killers am Ende ist dermaßen doof inszeniert, dass man durchaus erheitert oder auch angesäuert aus dem Film entlassen wird.

Obscure Shit 27 Blut auf dem Asphalt Screen 04
Die Polizei ist bei ihrem Ermittlungen immer nah am Bürger

Am Ende bleibt nicht mehr als Blut auf dem Asphalt

Was am Ende herumkommt, ist dann auch nur ein allenfalls mittelmäßiger Action-Krimi, der höchstens Eurocrime-Allesgucker (wie mich) interessieren könnte. Ich trauere jetzt nicht vertaner Lebenszeit hinterher, aber BLUT AUF DEM ASPHALT muss man nun nicht unbedingt gesehen haben. Der Film lief wie gesagt in DDR als SCHOCKPOLIZISTEN im Kino, der deutsche Verleih wird wohl diese Fassung so übernommen haben, inklusive Schnitten von insgesamt knapp 10 Minuten. In Holland erschien die ungeschnittene Fassung unter dem Titel MISBRUIKTE MEISJES (was schlicht „Missbrauchte Mädchen“ bedeutet) und enthält den Film in Französisch mit niederländischer Untertitelung. Eine französische DVD konnte ich nicht ausfindig machen, weswegen ich jetzt einfach mal annehme, dass eine solche schlicht nicht existiert. Der Film lief dort dafür schon einige Male im TV, natürlich uncut. In den beiden Internet-Film-Datenbanken haben bisher nur sehr wenige über BLUT AUF DEM ASPHALT abgestimmt, somit passt er mal wieder wunderbar hier rein.

OFDB 6.11/10 [9 Stimmen] / IMDB 4,3/10 [58 Stimmen]

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