Obscure Shit No 25: Hetzjagd auf Nazis

Obskurer Scheiß kann durchaus auch mal geiler Scheiß sein, wie man weiß. Das ist in dieser Rubrik bisher eher selten vorgekommen, aber ist es doch umso schöner, wenn ich dann doch mal einen wirklich guten Film hier vorstellen darf. Ich spreche dennoch an dieser Stelle schon mal eine Spoiler-Warnung aus, da ich den Handlungsverlauf recht ausführlich unter die Lupe nehmen werde. Allerdings denke ich, dass der Film trotzdem noch spannend anzusehen sein sollte, auch wenn man den folgenden Text schon gelesen hat.

Obscure_Shit_25_Hetzjagd_auf_Nazis
Französische Title Card von Hetzjagd © Gaumont

HETZJAGD/UN HOMME À ABATTRE (1967)

Der Film beginnt damit, dass ein Mann von zwei Herren (u.a. Jean-Louis Tritignant) im Kleintransporter gejagt, überfahren und auf eine Mülldeponie gebracht wird. Die beiden Herren gehören zu einer Gruppe von Nazijägern. Der Tod des Mannes war nicht geplant und gefährdet den Zugriff auf ihr vorrangiges Ziel, den ehemaligen KZ-Aufseher Schmidt, den sie hier in Barcelona als einen deutschstämmigen Ingenieur namens Fromm identifiziert haben. Da sich Julius, ihr Anführer und ein damaliges Opfer Schmidts, aber noch nicht hundertprozentig sicher ist, sollen sie abwarten. Er unterscheidet sich rein äußerlich sehr von damals. Außerdem glauben sie, dass er zu einem Ring von Altnazis gehört. Sie haben inzwischen Stunden an Video-Material über ihn gesammelt, studieren seine Gewohnheiten, durchleuchten die Leute mit denen er sich trifft. Das Verharren in der Lauerstellung geht den Männern, die aus verschiedenen Motive der Gruppe angehören, an den Rand ihrer Belastbarkeit…

Hetzjagd_Entdeckung_im_Stadion
Zufalls-Entdeckung des Nazis © Gaumont

Ein kurzer Exkurs

Die französisch-spanische Koproduktion von 1967 packt ein damals heißes Thema an, nämlich die Jagd nach Altnazis. Die Aufarbeitung der Verbrechen und die Verfolgung der Täter dauerte Jahrzehnte, bzw. hält noch immer an, und geriet so in unregelmäßigen Abständen in den Fokus des öffentlichen Interesses. Adolf Eichmann wurde 1960 von Agenten des Mossad aus seinem Versteck im argentinischen Exil entführt und in Israel vor Gericht gebracht. Alois Brunner konnte sich 1954 nach Syrien absetzen, wo er 1961 und 1980 zwei Anschläge per Briefbombe überlebte und wohl irgendwann zwischen 2001-10 verstarb. Klaus Barbie, „Der Schlächter von Lyon“, wurde zweimal in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Erst als der Mann, der jahrelang unter falschen Namen für den BND in Mittelamerika tätig war und mehrere Anschläge von Geheimdienstlern überlebte, 1983 von der neuen bolivianischen Staatsführung nach Frankreich ausgeliefert wurde, konnte ihm ein ordentlicher Prozess gemacht werden. Er starb 1991 in der Haft an Krebs.

Diese Thematik gab auch immer Stoff für verschiedenste (fiktive) Filme. In DER MARATHON-MANN (1976) stolpert der Student Babe Levy (Dustin Hoffman) in eine Ermittlung seines Bruders Doc (Roy Scheider). Er legt die Identität des KZ-Arztes Dr. Christian Szell (Laurence Olivier) offeen, der mitten in New York unter Juden lebte. Unvergessen bleibt, wie der alte Mann mit der freundlichen Stimme den jungen Babe mit Zahnarzt-Utensilien foltert. Etwas kurioser mutet da THE BOYS FROM BRAZIL (1978) an, in dem Josef Mengele (Gregory Peck) in Brasilien Hitler-Klone züchten will. Aus dem Bereich der Exploitation reiht sich dann RIVER OF DEATH – FLUSS DES GRAUENS (1989) aus der Filmschmiede Cannon hier ein. In der pulpigen Story heuert ein Altnazi (Donald Pleasance) einen Abenteurer (Michael Dudikoff) an, um einen geflohenen Nazi-Wissenschaftler (Robert Vaughn) zu finden, der im Dschungel eine neue Herrenrasse züchten will. Und dass nicht immer so ernsthaft mit solchen Themen umgesprungen wird, zeigt dann Jackie Chans MISSION ADLER – DER STARKE ARM DER GÖTTER (1991). Der beliebte Held wird darin von der schönen Elsa und ihrem Opa Adolf engagiert, einen alten Nazibunker zu finden, in dem Nazigold versteckt ist.

Hetzjagd_Beobachtung_und_Warten
Das Warten geht an die Substanz © Gaumont

Wie Raubtiere in Lauerstellung

1967 war der zweite Weltkrieg noch recht präsent in den Köpfen der Menschen, in den Köpfen der Opfer des NS-Regimes sowieso. Und so nähert sich der Film des mir zuvor unbekannten Regisseurs Philippe Condroyer, der auch mit seiner Frau Mariette das Drehbuch schrieb, eher ernsthaft dem Thema in einem teils sehr intimen Thriller. Er beschränkt sich in seinem Szenario auf die letzten Tage der langwierigen Jagd auf den KZ-Aufseher Schmidt. Die Gruppe um Julius, der selbst unter Schmidt leiden musste, steht kurz vor dem Zugriff, der Exekution ihres Zieles. Wie wir erfahren, hat Nils, der für die Sichtung von Filmarchiven zuständig ist, den Gesuchten, dessen zwanzig Jahre gealtertes Gesicht man über verschiedene Fotos fortlaufend zu konstruieren sucht, zufällig im Publikum eines Fußballspiels entdeckt (siehe Bild 2). Um sicherzustellen, dass es sich bei dem deutschstämmigen Ingenieur Fromms, als den sie den Mann im Bild identifiziert haben, wirklich um Schmidt handelt, wurde er nun schon seit Monaten von ihnen überwacht und gefilmt. Dafür haben sie sich in einem Appartment gegenüber dessen Wohnung einquartiert.

Die unbeabsichtigte Tötung des Mannes, der mit Fromms und, so vermuten sie, einer Organisation von Altnazis in Verbindung stand, setzt die Gruppe unter Zugzwang. Georges hofft, dass man nun endlich Taten folgen lässt, da ihm das Warten psychisch schwer zusetzt. Raphael, gespielt von Jean-Louis Tritignant, dagegen beginnt eine Affäre mit der schönen Sandra aus einem Appartment gegenüber. Julius selbst ist inzwischen von Selbstzweifeln geplagt, hat sein komplettes Vermögen in diese Unternehmung gesteckt und möchte auch sicher sein, sie als Erfolg verbuchen zu können. Neben der Exekution seines Peiniger versucht er auch noch Informationen über das Netzwerk der Altnazis an Land ziehen. Sein zögerliches Verhalten bringt Georges, aber auch zunehmend Nils, aus der Ruhe. Das führt schlussendlich dazu, dass sie beim finalen Zugriff nervös und nachlässig sind, was in einer mittelschweren Katastrophe für die Gruppe mündet.

Hetzjagd_Videoaufnahmen_Details
Die Suche nach Details © Gaumont

Konzentriert und auf den Punkt gebracht

Regisseur Condroyer beschränkt sich auf wenige Sets und ein überschaubares Ensemble. Der dadurch entstehende Mikrokosmos, in dem sich der größte Teil der Handlung abspielt, wird dem Zuschauer auch erst nach und nach gewahr. Die karge Wohnung, von der aus die vier Männer operieren, sorgt für eine beklommene Atmosphäre, was durch den Umgang untereinander noch verstärkt wird (siehe Bild 3). Jedem Charakter wird in dieser beengten Umgebung hingegen Platz eingeräumt, sein Innenleben zu präsentieren. Als Hauptfigur kristallisiert sich erst spät der von Tritignant gespielte Raphael heraus, der Frauenheld, der als einziger keine persönlichen Interessen verfolgt, sondern, wie sich herausstellt, von Julius bezahlt wird. Etwas am Rande der Konstellation verweilt Nils, der als Archivar aber auch meist in sich gekehrt bleibt und seine Unsicherheit zu kaschieren sucht. Aus Georges dagegen droht es andauernd herauszuplatzen, er würde Fromms/Schmidt lieber heute denn morgen töten. Julius ist kurz davor, zum Opfer seiner hohen Ansprüche an sich und sein Rechtsempfinden zu werden und in Selbstzweifeln zu versinken. Das Objekt der Verfolgung, Fromms/Schmidt, bekommen wir, bis zum Zugriff, nur aus deren Augen zu sehen. Sein Verhalten wird aus zumeist sicherer Distanz von den Vieren kommentiert und interpretiert.

Der Aufbau der Geschichte bleibt immer logisch, auch die Psychogramme der vier Verfolger, die an der Schwelle stehen, von Opfern zu Tätern zu werden, sind begreiflich und menschlich leicht nachzuvollziehen. Durch die Konzentration auf diese kurze, entscheidende Phase der Aktion gelingt es Condroyer schnell, eine beachtliche Grundspannung zu etablieren. Und indem er das unvermeidliche immer wieder verzögert und die einzelnen Figuren in den Fokus rückt, dreht er immer mehr an der Spannungsschraube, wohl bewusst, dass sich mit der Auflösung der Situation in letzter Konsequenz auch die vorherrschende Grundspannung löst. Daher ist es eine gute Entscheidung, den Film nicht künstlich aufzublasen, oder am Ende gar noch in einen schnöden Actionfilm kippen zu lassen. Das ganze dauert kurzweilige 82 Minuten, wobei gerade einmal 15 auf das Finale ausfallen, das zuerst auch nur quälend langsam voranschreitet. Mit der Erkenntnis Fromm/Schmidts, dass man ihm an den Kragen will, drückt der Film dann ein wenig auf die Tube, da jetzt, wie bereits erwähnt, das kreierte Unbehagen und die damit einhergehende Anspannung abreißt.

Hetzjagd_Jäger_POV
Aus der Sicht des Jägers © Gaumont

Kleiner Film, großes Handwerk

Technisch ist der Film, der mit merklich beschränkten Mitteln auskommen musste, beeindruckend gut gelöst. Kameramann Jean Penzer (ANGST ÜBER DER STADT, DER GREIFER) arbeitet mit abwechslungsreichen Perspektiven, die zumeist das Kammerspiel, das Condroyer aufzieht, unterstützt, und immer, wenn Fromm/Schmidt in den Mittelpunkt rückt, stark subjektiv geprägt ist (siehe Bild 5). Dazu werden auch weitläufig von den Vieren angefertigte s/w-Aufnahmen von ihm herangezogen, die sie sich in ihrem Versteck zwecks Studium anschauen (siehe Bild 2 und 4). Wenn es am Ende zur Verfolgung des Nazis kommt, offenbart die spanische Metropole, die zuerst wie ein kleines Loch erschien, weitläufige Straßen, enge Gassen und eine heruntergekommene Strandpromenade, wo sich die Figuren immer mal wieder verlieren (siehe Bild 6). Auch schauspielerisch gibt sich der Film keine Blöße, Hauptdarsteller Jean-Louis Tritignant (LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG, DAS ATTENTAT) konnte damals fast alles spielen, seine weniger bekannten Mitstreiter Luis Prendes (ALIEN PREDATOR) als Julius, Josep Maria Angelat (LUCKY M. FÜLLT ALLE SÄRGE) als introvertierter Nils und André Oumansky (SPY GAMES, LARGO WINCH) machen ihre Sache mehr als ordentlich. Als hübsches Frauengesicht, das mehr Funktion denn Rolle einbringt, macht selbst Valérie Lagrange (MEINE NÄCHTE SIND SCHÖNER ALS DEINE TAGE) eine gute Figur. Der kaum in Filmen in Erscheinung getretene Luis Padrós bringt für seinen wortkargen Part als Altnazi Schmidt die dementsprechende Aura, zwischen unauffällig und heimtückisch, mit.

Hetzjagd_Perspektive
Verloren im Nirgendwo © Gaumont

Ich fazite

Wie schon eingangs erwähnt, ist HETZJAGD eigentlich ein Film, der etwas fehl an Platz in dieser Rubrik scheint. Mir persönlich hat er überaus gut gefallen und weiß sowohl in Erzählung, Inszenierung und Schauspiel vollends zu überzeugen. Der Film lief in Deutschland nicht im Kino und scheint auch international eher unter dem Radar geflogen zu sein. Es gibt zwei Veröffentlichungen des Films auf VHS, von ITT und VMP. Diese Kassetten sind scheinbar schon so schwer zu finden, dass ich noch nicht einmal ein Bild des Covers auftreiben konnte. Ob er mal hier im TV lief? Keine Ahnung, es ist auf jeden Fall nirgendwo dazu etwas verzeichnet. Wer diesen Thriller gerne mal sehen möchte, der muss wohl oder übel zur einer französischen DVD-Auflagen oder der dort erschienen Blu-ray von Gaumont greifen, die noch ohne Probleme zu bekommen sind. Allerdings ist der Film dort nur im O-Ton vorhanden, die DVDs sind zudem nicht anamorph kodiert. Ansonsten sieht es mit Veröffentlichungen des Titels eher düster aus. Aber wer tief wühlt, wird vielleicht auch was finden, es geschehen ja immer wieder mal Zeichen und Wunder, wie Filmfans und Sammler sicherlich wissen. Von mir auf jeden Fall eine unbedingte Empfehlung, solltet ihr dieses Films irgendwo habhaft werden können – zuschlagen!

Update: Inzwischen ist HETZJAGD als deutsche DVD von Pidax erschienen und damit wieder ohne Probleme erhältlich. Auch wenn ich mir eine Blu-ray dieses tollen Films gewünscht hätte, kann ich hier natürlich nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen!

Update: Ja, wer sagt es denn? Pidax hat den Film gerade auf DVD angekündigt.

OFDB 7.00/10 [9 Stimmen] | IMDB 6.2/10 [79 Stimmen]

More Obscure Shit

Ein Kommentar zu „Obscure Shit No 25: Hetzjagd auf Nazis

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle kostenlos eine Website oder ein Blog auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Aequitas et Veritas

Zwischendurchgedanken

Kais geheime Tagebücher

Filme, Bücher, Tatorts die man vielleicht nicht kennt

Mothersdirt

Nachrichten - hart aber ehrlich

Corlys Lesewelt

Lesen genießen ...

Apokalypse Film

Schaut vor der Apokalypse keine schlechten Filme!

GREIFENKLAUE - BLOG

Rollenspiel ^ Fanzines ^ Podcast ^ RPG-Szene ^RPG-News ^LARP ^ Tabletops ^ Dungeons ^Maps ^Minis

moviescape.blog

Texte über Filme, Serien, Popkultur, Laufen und das Vatersein.

Parkwelten

Freizeitparks, Kirmes & Co.

Blaupause7

die Pause zur blauen Stunde

filmlichtung

There are no rules in filmmaking. Only sins. And the cardinal sin is dullness. (Frank Capra)

%d Bloggern gefällt das: