Obscure Shit No 20: Die gelbe, nackte Giallo-Kante!

Ende der 60er- bis Anfang der 70er-Jahre erfreuten sich die italienischen Thriller, Giallo genannt, großer Beliebtheit. Zwar oftmals als Frauenschlitzer-Filme abgetan, bevölkerten sie vor allem die Bahnhofskinos des Kontinents und erweiterten genauso das Programm des Grindhouse Cinema in Nordamerika. Neben einer Vielzahl von Eurocrime Filmen entstanden in den Italien anliegenden Ländern wie Spanien, Frankreich und sogar der Türkei (zu letzterem an anderer Stelle mehr) dem Giallo zuzuordnende Produktionen. Aber die 70er waren ein um filmische Kuriositäten nicht gerade armes Jahrzehnt, und so begab es sich 1973, dass in Hongkong ein Kung-Fu Krimi entstand, der recht eindeutig als Hommage an die Welle der italienischen Schlitzerfilme zu verstehen ist.

Der Mann mit dem Karateschlag Title Card
Deutscher Titel, sinnloser Titel

DER MANN MIT DEM KARATESCHLAG/DUO MING KE (1973)

Im Hongkonger Nachtleben geht ein Psychopath um, der junge Frauen abschleppt und nach dem Liebesakt mit einem Rasiermesser tötet und verstümmelt. Die Polizei verdächtigt einen Geisteskranken (Bolo Yeung), der vor kurzem aus einer Anstalt geflohen ist und seitdem einige Häuser-Ruinen an der Küste mit einem Hackebeil unsicher macht. Eine junge Reporterin wittert ihre Chance mit einer Story über den Frauenmörder groß rauszukommen, wofür sie auch ihren Freund einspannt. Das neueste Opfer ist aber dann die Frau eines Nachtclubbesitzers, der erst vor kurzem in Thailand bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Pikanterweise war dessen Kompagnon der Freund der Reporterin und hat sich verdächtig lange damit Zeit gelassen, der Frau ihren Anteil am Etablissement auszubezahlen. Ist er der gemeingefährliche Frauenschlächter?

Der Mann mit dem Karateschlag Szene 01
Des Schlitzers liebstes Werkzeug

Es war in den 70ern gar nicht mal so unüblich, dass sich das asiatische Kino gen Westen wandte und sich, natürlich um einen potentiellen neuen Markt zu erschließen, auch Bestandteile dessen aneignete. In Japan entdeckte man durch die amerikanische Besatzung vor allem den Jazz, den Funk und den Rock’n’Roll, und die berühmten Shaw Brothers Studios ging Kooperationen mit u.a. den englischen Hammer Films Studios ein, wodurch lustige Sachen wie DER TÖDLICHE SHATTEN DES MR. SHATTER und DIE SIEBEN GOLDENEN VAMPIRE entstanden, während Konkurrent Golden Harvest nicht in so weite Ferne schweifte und z.B. in Australien zwei Filme mit dem kurzzeitigen Bond-Star George Lazenby, DER MANN AUS HONGKONG und STONER, herunterkurbelte. Sich eines trendigen Subgenres anzunehmen, war allerdings nicht wirklich die Regel, eigentlich sogar ein ziemlicher Sonderfall, und so stellt DER MANN MIT DEM KARATESCHLAG meines Wissens ein obskures Unikat dar.

Der Mann mit dem Karateschlag Szene 02
Wir bleiben hier heute mal züchtig

Einen gediegenen Krimi, der geschickt falsche Fährten legt und Haken schlägt, darf man hier nicht erwarten. Regisseur Chan Tung-Man, der später noch den Sonny-Chiba-Kracher IN DER HÖHLE DES SCHWARZEN PANTHERS (1977) drehen sollte, und sein thailändischer Kollege Pecnai Naolod schmissen hier einfach verschiedene Versatzstücke in den Topf und rührten es einmal kräftig um. Herausgekommen ist ein eher halbgares Potpourri aus Krimi, Martial Arts und Sexploitation. Dem Giallo entlehnte man die beliebten POV-Shots, die Handschuhe und das Rasiermesser, dazu sind die Opfer des Täters jung, nackt und natürlich weiblich. Den Morden voraus gehen immer wieder schon fast surreal wirkende Sex-Szenen, die schrill ausgeleuchtet und in rot-orange getüncht sind. Aufgepeppt wird die Handlung durch gelegentliche (schlechte) Martial-Arts-Einlagen, die fast allesamt unter Mitwirkung eines jungen Bolo Yeung (BLOODSPORT, SHOOTFIGHTER), der den ausgebrochenen Irren mimt, vonstatten gehen. Dies erweist sich dabei als eine von insgesamt zwei falschen Fährten. Es bedarf zudem nicht wirklich viel Gehirnschmalz, um sich schon in den ersten 10 Minuten zusammenzureimen, wer am Ende der Täter ist.

Der Mann mit dem Karateschlag Szene 03
Der Bolo mit dem irren Blick

DER MANN MIT DEM KARATESCHLAG, der deutsche Titel ist natürlich reichlich irreführend, sorgt aber zumindest dafür, dass der deutsche Trailer sehr schmissig anklingt, ist eigentlich weder als Krimi, noch als Martial Arts, und erst recht nicht als Sexfilm – allerdings ist er für eine Hongkong-Thai-Produktion trotz des Rotlichts erstaunlich zeigefreudig – zu gebrauchen. Doch die verschiedenen Teile, die in so plumper Art hastig aneinander montiert wurden, sorgen zumindest dafür, dass der Film kaum langweilig wird. Davon ab ist er natürlich nur Liebhabern kurioser Werke ohne anderweitige Existenzberechtigung und stahlharten Trashfans zu empfehlen. Erstaunlich ist aber schon das Wohlwollen, dass dem Film auf beiden Filmdatenbanken entgegen gebracht wird, was aber auch daran liegt, dass ihn abseits eingefleischten Trashologen, Sammler und Allesseher kaum jemand kennt. Dass er für diese Kategorie wieder wie geschaffen ist, versteht sich da von selbst. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß mit dem Film.

OFDB 5.26/10 [42 Stimmen] / IMDb 6.4/10 [12 Stimmen]

Der Mann mit dem Karateschlag Szene 04
Schöner Wohnen im hippen Hongkong

Passenderweise wurde DER MANN MIT DEM KARATESCHLAG vom auf Italo-Kintopp aus der Giallo- und Poliziesco-Ecke wie auch krachige Handkanten-Action spezialisiertem Label filmArt veröffentlicht, die dem Film ein Wendecover spendierten, dass es einem ermöglicht, ihn entweder unter die Giallo- oder auch Eastern-Veröffentlichungen des Labels zu sortieren. Das Master für die DVD stammt von einer alten und ziemlich abgenudelten, deutschen Kinokopie, was dem Film noch zusätzlichen Charme verleiht. Da die 500 Exemplare dieser Erstauflage tatsächlich recht schnell vergriffen waren, reichte man noch zwei Auflagen nach, eine davon in schickem roten Design und unter den passenderen internationalen Titel KILLER IN THE DARK.

Wer Interesse hegt…

Der Kollege Bluntwolf von Nischenkino hat den Film schon 2013 besprochen…

More Obscure Shit…

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