Larry Cohen Retrospektive, Teil 1: Die Monsterbaby-Trilogie

Ich komme allmählich in ein Alter, in dem die Heroen der Kindheit schon beinahe wöchentlich wegsterben. Es ist der Lauf der Dinge, niemand ist davor gefeit, irgendwann abtreten zu müssen. Es ist nun ziemlich schnurz, ob er jetzt, wie die meisten Quellen berichten, 77 Jahre alt gewesen war oder tatsächlich schon 82. Es ist schon einige Jahre leise geworden um LAWRENCE „LARRY“ COHEN. Der emsige Produzent, Regisseur und vor allem Drehbuchautor hatte eine Vorliebe für den B-Film, liebte dessen ungezügelte Energie und die Möglichkeit, hier Themen abseits des Mainstream auszuloten. Er war einer der kreativen Köpfe, wie sie in Hollywood immer seltener wurden, und seine eigenen Filme waren alles Mögliche, nur nicht glatt und oberflächlich, konformistisch oder vorhersehbar. Er hatte eine ganz eigene Handschrift, und doch glich kein Film dem nächsten. Selbst bei Reihen wie den IT’S ALIVE- oder den MANIAC COP-Filmen wechselten die Schwerpunkte, der Sinn und die Ausgeprägtheit des Humors und auch die dahinter stehenden Aussagen ständig. Seine letzten beiden bekannteren Stories waren zu NICHT AUFLEGEN!/PHONE BOOTH (JOEL SCHUHMACHER, 2002) und FINAL CALL – WENN ER AUFLEGT, MUSS SIE STERBEN!/CELLULAR (DAVID R. ELLIS, 2004), die zwar beide die gleiche Prämisse besitzen und dabei die Telekommunikation in den Mittelpunkt stellen, aber dies auf vollkommen unterschiedliche Weise bewerkstelligen. Während sich COLIN FARRELL in NICHT AUFLEGEN! nicht von einem Münztelefon wegbewegen darf und der Handlungsort damit festgelegt ist, wird CHRIS EVANS in FINAL CALL mit dem Handy in der Hand, in einer Schnitzeljagd quer durch Los Angeles gehetzt. Als dritter Film im Bunde folgte noch MESSAGES DELETED (ROB COWAN, 2010), den ich leider noch nicht kenne. Cohen war der Meinung, dass nicht die Action, das, was dem Zuschauer vordergründig aufs Auge gedrückt wird, einen Film ausmachen, sondern die kleinen Feinheiten nebenher, die über scheinbar unwichtige Szenen transportiert werden. Es ist keine große Sache, dass jemand wie LARRY COHEN, der auch immer aufmunternde Worte für den Film-Nachwuchs übrig hatte („We don’t need you here!“), nun im gehobenen Alter gestorben ist. Es ist Teil eines schleichenden Prozesses, denn wie er gehen viele andere. Es sind die leisen Zwischentöne, die das Sterben mit sich bringt. Denn mit jedem Toten wie LARRY COHEN sterben auch sie langsam aus.


Eine Retrospektive, erster Teil

Genau wie beim Ableben der Herren ROMERO, HOOPER und LENZI in 2017 (Mann, war das ein Scheiß-Jahr als Film-Fan; daneben starben auch Stars des Italo-Kintopps wie TOMAS MILIAN und sein Kumpel RAY LOVELOCK) nehme ich den Tod  COHENs zum Anlass, seinem Werk mal wieder eine private Retrospektive zu widmen. Leider habe ich derzeit nicht alle seiner Regie-Arbeiten zur Hand, Sachen wie sein Debüt BONE (1972), der TV-Film SEE CHINA AND DIE (1981) oder sein letzter Film ORIGINAL GANGSTAS (1996) sind nicht leicht zu bekommen, auch wenn ich bei letzterem gerade überlege, vielleicht doch auf die gekürzte FSK16-DVD des immer noch indizierten Blaxploitation-Revival zurückzugreifen, obwohl dort fast viereinhalb Minuten fehlen.  Derzeit stehen 12 seiner Filme auf dem Plan, dazu sein Beitrag zur Horror-Anthologie MASTERS OF HORROR, nämlich die Episode „Pick Me Up“.

Den Anfang macht nun seine Trilogie um missgebildete, monströse Säuglinge, die zwischen 1974-87 entstand. Cohen schrieb den ersten Film unter dem Eindruck der Contergan-Affäre der frühen 60er, die in Deutschland weite Kreise zog. Zwischen 1958 und 1961 kam es in der Bundesrepublik zu einer Reihe von Geburten von Babies, deren Gliedmaßen und Organe fehlgebildet waren oder gänzlich fehlten, welche nach eingehenden Untersuchungen auf das Medikament Contergan und seinem Wirkstoff Thalidomid zurückzuführen waren. Es waren 5.000 – 10.000 Säuglinge davon betroffen. In den USA wurden anlässlich einer Testreihe zur Freigabe des Wirkstoffes mehrere Dutzend behinderter Kinder geboren.


Title Card Die Wiege des Bösen
© Warner Brothers

DIE WIEGE DES BÖSEN/IT’S ALIVE (1974)

Frank Davis (JOHN P. RYAN) und seine Frau Lenore (SHARON FARRELL) sind in froher Erwartung. Die Geburt ihres zweiten Kindes steht kurz bevor. Sohn Chris (DANIEL HOLZMANN) wird bei Charley (WILLIAM WELLMAN JR.), einem Freund der Familie, untergestellt, und es geht ab ins Krankenhaus. Während der eher entspannte Frank mit anderen Leidensgenossen in einem Wartezimmer Platz nimmt, dünkt es Lenore im Kreißsaal, dass etwas nicht stimmt, da die Schmerzen trotz starken Medikamenten nicht verschwinden und es sich für sie als äußerst schwierig erweist, den unerwartet großen Fötus herauszupressen. Auf dem Weg zu seiner Frau reißen hysterische Schreie Frank aus seiner Ruhe, im Kreißsaal bietet sich ihm ein grausiges Bild dahingemetzelter Schwestern und Ärzte. Lenore ist wohl behalten, aber sichtlich verstört. Die Polizei unter Lieutenant Perkins (JAMES DIXON) kommt schnell zu der Auffassung, dass das Neugeborene ein missgestaltetes Monster ist und macht vergeblich Jagd darauf. Frank kehrt schon kurze Zeit später mit der immer noch geschockten Lenore nach Hause zurück, Chris verbleibt aber bei Charley. Aufgrund des verursachten Presserummels hält Franks Arbeitgeber ihn für untragbar und entlässt ihn. Ein Professor (ANDREW DUGGAN), der den Fall untersucht, kommt zu dem Schluss, dass ein Fruchtbarkeitsmedikament der Grund für die monströsen Missbildungen des Babies sein muss. Er will dies bei einer Autopsie verifizieren, doch die Polizei konnte es noch nicht zur Strecke bringen. Nach einem Zwischenfall an einer Schule, der einem Polizisten das Leben kostet, flüchtet das Baby in das Haus der Davis‘, wo die immer noch traumatisierte Lenore ihre Muttergefühle entdeckt…

LARRY COHENs erster Horrorfilm kann als durchaus exemplarisch für sein weiteres Schaffen angesehen werden. Er verquickt hier munter die exploitativen Elemente des B-Films mit ernst zu nehmenden Drama, worin er tatsächlich relevante Themen aufzuarbeiten versucht. Das erscheint zu erst einmal, wenn man den Fokus auf das Massaker legt, das das Baby direkt im Anschluss an seine Geburt anrichtet, furchtbar plakativ, doch COHEN gibt sich Mühe, gleich mehrere Aspekte dieser Geschichte zu beleuchten. Zu erst einmal erfahren wir, dass das zweite Kind von Frank und Lenore tatsächlich ein Wunschkind ist, später, dass sie sogar ein Fruchtbarkeitsförderndes Präparat benutzt haben. Vor der Niederkunft werden wir außerdem Zeuge eines Gesprächs im Wartezimmer unter den werdenden Vätern, in dem ein Schädlingsbekämpfer davon erzählt, wie seine Firma ein Gift gegen Kakerlaken entwickelte, was nur dazu führte, dass die Kakerlaken schon nach kurzer Zeit dagegen immun wurden und sich somit sogar weiterentwickelten und stärker wurden – das ist natürlich eine Kritik an der Bestrebung des Menschen, seine Umwelt durch Gifte auf der einen oder eben Hormon-Präparate auf der anderen Seite kontrollieren zu wollen.  Dazu thematisiert Cohen aber auch noch die Stigmatisierung durch ein solches Unglück, denn die Presse ist gleich zur Stelle, um über die makabre Sensation zu berichten. Danach verliert er seinen Job, weil er aufgrund dieses Skandals für seine Firma nicht mehr tragbar sei. Damals verhielt es tatsächlich noch so, dass Eltern nach einer Missgeburt selbst als unnormal betrachtet wurden, ihnen die Schuld daran gegeben wurde. Der große Pluspunkt des Films ist hierbei der Charakter des Frank Davis, der unumstößlich im Mittelpunkt der Handlung steht und eine nachvollziehbare Entwicklung vollzieht. Er wird als sehr sympathischer, humor- und liebevoller Ehemann und Vater eingeführt. Nachdem er in der Klinik den ersten Schock verwunden hat, lehnt er das Baby ab und befürwortet widerstandslos dessen Abschuss. Es ist eine verständliche Schutzhaltung, ein Wall, den er auf die Schnelle um sich errichtet. Im Gegensatz dazu realisiert seine Frau Lenore zuerst überhaupt nicht, was passiert ist. Frank muss daher weiter den Beschützer und liebevollen Ehemann geben. Dass ihm das jedoch weit schwerer fällt, als er es sich selbst eingestehen möchte, merkt man u.a. daran, dass er gleich wieder anfangen will zu arbeiten, und dass sie entscheiden, ihren Sohn vorerst bei Charley zu lassen, um nicht mit ihm die ganze Tragödie aufarbeiten zu müssen. Erst als Frank gegen Ende zum ersten Mal Auge in Auge mit seinem Nachwuchs konfrontiert wird, realisiert er, dass dies, ungeachtet der Missbildungen, sein Sohn ist. Ich bin tatsächlich jedes Mal wieder gerührt, wenn er mit ihm im Arm am Ende durch die Kanalisation flüchtet, hinter ihm der Wissenschaftler, der das Kind sezieren will, und die Polizei, die es töten will, komme, was wolle.

Während die Kreatur, die ein junger RICK BAKER (AMERICAN WEREWOLF, VIDEODROME) entworfen hat, heutzutage reichlich angestaubt wirkt, kann die Vorstellung von JOHN P. RYAN als Frank Davis immer noch überzeugen. RYAN ist eigentlich eher für seine Schurkenrollen in den 80ern bekannt, u.a. DEATH WISH 4 – DAS WEISSE IM AUGE (1987) und DIE KLASSE VON 1999 (1990), präsentiert sich hier aber instantly likeable und trägt dann den Film auch ohne Mühe. SHARON FARRELL gerät darauf als Lenore etwas ins Hintertreffen. Interessant ist, dass Cohen auch darauf verzichtete, den meisten Rollen Namen zu geben, da sie für die Geschichte auch eher funktional angelegt waren. Erwähnenswert ist noch JAMES DIXON als Lt. Jenkins, dessen Charakter als einziger in allen drei Filmen vorkommt. DIXON ist COHENs unumstößlicher Stammschauspieler, spielte in 14 von seinen Filmen.

Das Erzähltempo, das LARRY COHEN hier an den Tag legt, ist wirklich ziemlich gemächlich und könnte schnell dem unbedarften Zuschauer von heute das Interesse rauben. Die memorabelsten Szenen sind solche mit dem Baby, wobei das Massaker am Anfang und die Verfolgungsjagd am Ende sicherlich die Höhepunkte bilden. In den ruhigeren Szenen sorgt dann BERNARD HERMANNs (VERTIGO, TAXI DRIVER) ausgezeichnete Musik dafür, dass die unheimliche Atmosphäre, die den Film eher latent durchzieht, nie ganz abebbt. Um den Film zu mögen, sollte man schon eine Affinität zum Kino der 70er mitbringen, aber vom unsäglichen Remake von 2009 sollte man unbedingt die Finger lassen!

Trailer IT’S ALIVE


Title Card Die Wiege des Satans
© Warner Brothers

DIE WIEGE DES SATANS/IT LIVES AGAIN (1978)

Frank Davis (JOHN P. RYAN) ist sich gewahr, dass das, was ihm und seiner Frau wiederfahren ist, kein Einzelfall war. Er sucht das Ehepaar Jody (KATHLEEN LLOYD) und Eugene Scott (FREDERIC FORREST) auf, bei denen sich andeutet, dass die Geburt ihres Babies ähnlich verlaufen könnte. Es ist inzwischen Praxis, dass die missgebildeten Neugeborenen noch im Kreißsaal kurzerhand getötet werden, aber Frank möchte anderen Eltern und Babies dieses Schicksal ersparen und für das Recht der Säuglinge zu leben kämpfen. Er unterstützt hierzu eine geheime Organisation, die mit einer mobilen Entbindungsstation die Kinder retten und sie an einem geheimen Ort friedlich aufwachsen lassen möchte. Als das Ehepaar durch den Arzt Malory (JOHN MARLEY) doch unter einem Großaufgebot der Polizei in ein Krankenhaus gebracht wird, befreit Frank sie durch eine Geiselnahme und eine halsbrecherische Flucht aus dem Staatsgewahrsam. Während Eugene mit dem Neugeborenen an den geheimen Ort gebracht wird, wo Dr. Perry (ANDREW DUGGAN), der davon überzeugt ist, dass diese Kinder eine neue Stufe der menschlichen Evolution sind, sie aufziehen will, bleiben Frank, Malory und Jody mit einem verletzten Geburtshelfer zurück. Malory und der hinzugezogene Lt. Perkins (JAMES DIXON) planen, den geheimen Ort durch eine Überwachung von Frank und Jody ausfindig zu machen und die Gefahr durch die Kinder zu eliminieren. Frank jedoch kann sich dem entziehen und untertauchen. Die Ermittler können aber Jodys Mutter überreden, ihr einen Sender unterzujubeln. Als diese sich dann stiften geht und zu ihrem Baby und dem inzwischen eher skeptischen Eugene gebracht wird, sind die Verfolger ihr schon auf den Fersen…

Der zweite Film der Reihe beginnt, wenn man sich mal Gedanken darüber macht, wie schnell das Ehepaar Scott den Ausführungen von Frank Davis Glauben schenkt, etwas holprig, aber durchaus vielversprechend. Die Idee des Untergrund-Netzwerks zur Rettung der missgebildeten Babies, die ansonsten nonchalant schon im Kreißsaal „entsorgt“ werden, vermittelt einen gewissen Esprit von Résistance, von einem Aufbegehren gegen eine inhumane Ungerechtigkeit. Man kann dabei durchaus Parallelen zu den militanten Abtreibungsgegner sehen, die in den USA seit den 70ern wüteten, was bei LARRY COHEN aber eher schon persifliert wird; während diese nämlich mit Gewalt und Terror gegen Lebende angibt, ungeborenes Leben zu schützen, werden hier die Ergebnisse von durch Hormon-Präparate begünstigten Schwangerschaften vor der, wenn man so will, Exekution durch die Staatsgewalt beschützt. Während also auf der einen Seite die Rechte zur persönlichen Selbstbestimmung, eben auch mittels Abtreibung oder Verhütungsmitteln, torpediert werden, lehnt man sich auf der andere Seite gegen die Fremdbestimmung durch die Staatsmacht auf. Und tatsächlich beackert COHEN diese Thematik sogar recht ambivalent, denn es stellt sich schnell heraus, dass Frank Davis, der diesmal die zweite Geige spielt und im Wesentlichen am Anfang und zur Mitte des Films auftaucht, nur lose mit dem Netzwerk verknüpft ist. Man merkt, dass er durchaus seine Vorbehalte gegen die Ziele des Netzwerks hat. Und warum dies so ist, erfahren wir dann durch Eugene Scott, der zur zentralen Figur wird. Der junge Vater wird von der ganzen Situation überrumpelt, und als er schließlich mal Zeit hat durchzuatmen und sich des Ganzen gewahr zu werden, ist er sich unsicher, ob er dem gewachsen ist, seinem monströsen Baby die Liebe und Geborgenheit geben zu können, die es benötigt. Dass die anderen Babies ihm gegenüber feindselig reagieren, macht die Sache nicht leichter. Dr. Perry, der den Babies telepathischen Fähigkeiten zuschreibt und sie für eine nächste Stufe der Evolution hält, bestätigt nur seine Feststellung, hier fehl am Platze zu sein. Seine Entwicklung stellt sich als eher gegenläufig zu der von Frank Davis im ersten Teil heraus. Leider fällt COHEN darüber hinaus nicht viel mehr dazu ein, außer dass so etwas natürlich nicht gut ausgehen kann.

Nachdem JOHN P. RYAN als Frank Davis hier nur eine Nebenrolle spielt, rückt FREDERIC FORREST (DER DIALOG, HAMMETT) als nicht minder begabter und auch sehr charismatischer Mime nach. Allerdings erweist sich sein Charakter am Ende als etwas zu diffus. JOHN MARLEY (DAS GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES, DER TEUFEL AUF RÄDERN) kann schon alleine durch seine Präsenz punkten, gerät als Gegenspieler zu Frank Davis aber ins etwas ins Abseits. Als zweiter vertrauter Charakter wird dann noch James Dixon als Inspektor Jenkins reaktiviert, trägt aber zur Handlung nichts Wesentliches bei. Als Mad Scientist ist auch ANDREW DUGGAN, ein weiterer COHEN-Regular (BONE, ICH BIN DER BOSS, SEE CHINA AND DIE) und vormalig der namenlose Wissenschaftler, wieder dabei. In einer weiteren Rolle als Wissenschaftler Dr. Forrester ist EDDIE CONSTANTINE (LEMMY CAUTION GEGEN ALPHA 60, RIFFIFI AM KARFREITAG) mit von der Partie, dessen Charakter, der an ein friedliches Zusammenleben mit den Monsterbabies glaubt, leider auch eher unterentwickelt bleibt.

Der Einstieg ins Sequel verläuft verhältnismäßig rasant, und durch die dreiste, eigentlich schier unglaubliche, Befreiungsaktion durch Frank Davis kann LARRY COHEN durchaus Spannung aufbauen. Die Erwartungen an den Fortlauf der Geschichte sind also hoch, wenn der Film zusammen mit Eugene knapp zur Halbzeitmarke im Unterschlupf des Netzwerks ankommt. Doch hier beginnt der Film zu schwächeln, denn der Mad Scientist Plotpoint wird eigentlich nur angeschnitten, wodurch der Film ständig zu kippen droht. Zwar zieht er dann noch gerade rechtzeitig das Tempo an, aber danach verläuft alles in ziemlich konventionellen Bahnen, krankt vor allem daran, dass das alles nicht wirklich zufriedenstellend aufgelöst wird.

Trailer IT LIVES AGAIN


Title Card Die Wiege des Schreckens
© Warner Brothers

DIE WIEGE DES SCHRECKENS/IT’S ALIVE III: ISLAND OF THE ALIVE (1987)

Nachdem das dafür verantwortliche Medikament vom Markt genommen wurde, nimmt die Zahl der Fälle monströsen Neugeburten ständig ab. Der gutmütige Jarvis (MICHAEL MORIARTY) ist vor Gericht gezogen, um zu verhindern, dass sein Sohn, der ebenfalls davon betroffen ist, getötet wird. Er kann den Richter überzeugen, dass in dem monströsen Kind auch ein menschliches, schützenswertes Leben steckt, und dieser ordnet an, dass es, zusammen mit den anderen in Gewahrsam befindlichen Kindern, irgendwo weitab der Zivilisation untergebracht wird, wo es ein freies Leben führen kann. Doch der Sieg vor Gericht hat Jarvis in den Ruin getrieben. Einer zu diesem Zweck ins Leben gerufene Stiftung wurden die Geldmittel abgedreht, da die Zahl der Fälle inzwischen gen Null strebt. Auch seine Ex-Frau Ellen (KAREN BLACK), möchte das Ganze möglichst vergessen und nichts mehr von ihm wissen. Als seine Anwältin an ihn herantritt, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben, hat der zynische Mann, der von der Gesellschaft nun wie ein Aussätziger behandelt wird, nur Spott übrig. Doch mangels Alternativen willigt er ein. Als 5 Jahre später das vor Gericht ergangene Urteil erneut geprüft werden soll, stellt man eine Expedition zusammen, die das Leben der Kinder im Exil untersuchen und eines von ihnen zu Forschungszwecken zurückbringen soll. Auch Jarvis und Lt. Perkins (JAMES DIXON) schließen sich eher widerwillig dem Team an. Sie wissen nicht, dass Pharma-Lobbyist Cabot (WILLIAM WILSON) schon mit einigen Jägern dort war, um die Opfer ihres Medikaments endgültig auszumerzen. Keiner von ihnen hat die Insel wieder verlassen. Die Überreste ihrer Expedition ist nicht die einzige Überraschung die Jarvis und seine Mitstreiter dort erwartet…

Waren die beiden Vorgänger schon nicht auffallend feinfühlig, was die Gefahren durch die Monsterbabies angeht, zeigt LARRY COHEN im letzten Teil seiner Saga schon früh, wo der Frosch die Locken hat. Er stellt dem ganzen eine Szene voran, in der eine junge Frau schon auf der Fahrt zum Krankenhaus, inklusive klischeehaften „Ich möchte damit nichts zu tun haben“-Taxifahrer, mörderischen Nachwuchs gebiert, was einem helfenden Polizisten auch gleich das Leben kostet. Mit der darauf folgenden Handlung hat das freilich nur peripher etwas zu tun, soll nur verdeutlichen, dass solche Geburten im Universum des Films schon etwas fast alltägliches sind. Und es zeigt, dass der Streifen sich bewusst in den Trend zum Splatter-Horror der 80er-Jahre einreiht. Rein story-technisch entwickelt COHEN hier das Thema nur bedingt weiter. Die Missgeburten sind kein Skandal mehr, die Elternteile jedoch immer noch stigmatisiert. Unser „Held“ Jarvis hat seinen Fall vor Gericht gebracht und sogar gewonnen, steht danach aber trotzdem als Verlierer da. Er hat eigentlich kein Leben mehr, von einer Zukunft ganz zu schweigen. Darüber entwickelt sich der gutmütige, aber ausgestoßene Mann zu einem widerlichen Zyniker, aufgrund seiner Kommentare verkommt die ganze Chose schon beinahe zur Persiflage. Das Script bedient sich in der Entwicklung der Geschichte einiger Zeitsprünge, die das Geschehen episodenhaft erscheinen lassen, was den vorherigen Eindruck noch unterstützt. Insgesamt mutet es, mehr noch als bei den Vorgängern, recht krude an, was Larry Cohen in dieses Potpourri schmeißt. Wir haben mit Jarvis den Mann, der die Leben der verbliebenen Monsterkinder gerettet hat, was ihn seine Ehe und seine Existenz gekostet. Er wird sogar von einer Prostituierten, noch vor der Bezahlung, rausgeworfen, als sie realisiert, wer er ist. Mehr aussätzig geht nicht. Die bösen Pharma-Riesen, die im zweiten Teil überhaupt nicht vorkamen, werden hier kurz eingebracht und gleich wieder rausgeworfen. Genauso ergeht es den Mitgliedern der Expedition, u.a. wieder der Dauergast Inspektor Jenkins, die von Jarvis angeführt wird. Dann kommen noch die Monsterkinder, die aufgrund ihrer Entwicklungsstörung schon mit 5-6 Jahren selbst Kinder bekommen – es gibt sogar kurz eine Monsterbabytitte zu sehen –, und am Ende wird aus Jarvis und Ex-Frau Ellen durch ihren Enkel wieder eine Familie.

MICHAEL MORIARTY (PALE RIDER, LAW & ORDER), der in den 80ern LARRY COHENs bevorzugter Hauptdarsteller war, gibt den geächteten Zyniker mit Gusto, ist sich nicht zu schade, auch mal zu chargieren. Als Ellen Jarvis agiert KAREN BLACK (CUT AND RUN, INVASION VOM MARS) hier wirklich sehr zurückhaltend, was aber zu ihrem verletzlichen Charakter passt. Neben dem unvermeidlichen JAMES DIXON ist noch die süße LAURENE LANDON (MANIAC COP 1+2), die auch öfters mit COHEN drehte, als Nutte Sally zu sehen.

Was die Story-Konzept und die Dramaturgie angeht, ist DIE WIEGE DES SCHRECKENS eindeutig der schwächste Teil der Trilogie. Aber er hat einen nicht zu verleugnenden Trash-Appeal, gepaart mit einer „Anything Goes“-Attitude, die mir stellenweise schon wieder viel Spaß gemacht hat. Nicht unwesentlich ist hier MORIARTYs Beitrag als gescheiterte Existenz, die dermaßen zynisch auf seine Umwelt reagiert, dass diese Desöfteren in ungläubige Starre verfällt, unfähig auf seine Witze und Spitzfindigkeiten zu reagieren. Ich kann aber auch verstehen, wenn man den Film nun überhaupt nicht mag, ist jedermanns Sache sicher nicht.

Trailer IT’S ALIVE III: ISLAND OF THE ALIVE


Ich & die Monsterbabies

Irgendwie ist dieser erste Teil der Retrospektive etwas länger geworden, als ich anfangs gedacht hätte. Aber ich mag die Filme irgendwie und hatte halt einiges dazu zu sagen. Ich habe sie seinerzeit zur deutschen Erstaustrahlung auf Pro Sieben das erste Mal gesehen, das ist jetzt auch schon fast 30 Jahre her. Später habe ich sie auf dem Flohmarkt als VHS wiederentdeckt, von den DVDs besitze ich allerdings nur eine. Die Filme sind mit der Zeit zusehends in Vergessenheit geraten, die DVD-Ausgaben nur sehr schwer zu bekommen. In den USA ist inzwischen eine Blu-ray Box mit allen drei Teilen erschienen, aber in Europa sieht es da eher düster aus. Wer die Filme also mal wieder sehen will, vorzugsweise in HD, muss wohl zum Import greifen, was durch Einfuhrsteuer zwar nicht unerschwinglich, aber verhältnismäßig teuer werden dürfte (ca. 40-45 €). Wer kein Cohen-Fan ist, sollte davon vielleicht absehen und darauf hoffen, dass die Filme vielleicht mal im Pay-TV (etwas Kabel 1 Classics) ausgestrahlt oder auf einer der Streamingplattformen zur Verfügung gestellt werden.

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2 Kommentare zu „Larry Cohen Retrospektive, Teil 1: Die Monsterbaby-Trilogie

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