Obscure Shit No 18: Der Mord und die Puppe

Das deutsche Label  Filmjuwelen hat die hiesigen Filmfans schon das ein ums andere Mal mit vergessen geglaubten Perlen überrascht. Manchmal mag man es gar nicht glauben, was dabei alles wieder an die Oberfläche gespült wird, mitunter Sachen, von denen man noch nicht einmal wusste, dass es so etwas überhaupt gibt. So hätte ich nicht gedacht, dass der Eugenio Martin Anfang der 60er-Jahre einen deutsch-spanischen Euro-Krimi mit italienischer Schützenhilfe gedreht hat, dessen Cast allein das Herz des Krimi-Fans höher schlagen lässt.

TotZeugTitel
Deutscher Titel nach Wallace-Art

NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN (1962)

Das deutlich an die populären Grusel-Krimis der deutschen Edgar-Wallace-Reihe angelehnte Ensemble-Stück handelt von dem Mord an einem Varieté-Künstler. Georg von Cramer (Massimo Serato) heißt der gute Mann und ist bekannt für seine Künste als Hypnotiseur und Bauchredner, die er mittels der fies dreinblickenden Puppe „Grog“ ans Publikum vermittelt. Nach einer Show überrascht er den Boxer und Kurier Chris Kronberger (Götz George) in seiner Gaderobe, der gerade seiner kleinkriminellen Ader nachgibt und die Gage aus Georgs Geldkassette stibitzt. Chris schlägt ihn nieder und macht, dass er Land gewinnt. Der Bühnentechniker Erik Stein (Jean Sorel) begegnet dem Flüchtenden und sieht in der Garderobe nach dem Rechten. Aber anstatt dem armen Georg zu helfen, erkennt er die Gunst der Stunde und kloppt den ungeliebten Künstler, der mit seiner Ex-Flamme Magda Berger (Eleonora Rossi-Drago) verlobt ist, mit einem Gehstock kurzerhand tot. Inspektor Kaufmann (Heinz Drache) wird von seinem Chef (Werner Peters) auf die Sache angesetzt und steht alsbald bei Karin Kronberger (Mara Cruz) vor der Tür. Und tatsächlich war ihr Bruder Chris gerade noch dabei, einige Sachen zu packen, um irgendwo abgeschiedener Unterschlupf zu suchen. Kaufmann hechtet dem Flüchtigen auf den Häuser-Sims hinterher, wobei er fast die Fassade herunterstürzt, wenn ihn Chris nicht wieder heraufgeholfen hätte. Dann entfleucht der Mordverdächtige dem verdutzten Ermittler, der sich seiner Sache nun nicht mehr so sicher ist und im Anschluss den anderen Mitarbeitern des Theaters auf den Zahn fühlt. Dort stellt sich heraus, dass der einzige Zeuge, die Holzpuppe „Grog“ verschwunden ist, wie ihm Katharina (Margot Trooger) auf die Nase bindet. Und derweil Kaufmann nach Karin beschatten lässt, die jetzt auch auf eigene Faust in der Sache ermittelt, schmeißt sich Erik wieder dreist an Magda heran und will den Artisten gleich in mehrerer Hinsicht beerben…

TotZeug11
Die Puppe „Grog“ ist mittendrin

Kuddelmuddel ohne stringenten Plan im Fahrwasser von Edgar Wallace

Ihr seht schon, es ist viel los, auf den Straßen wie auch hinter der Bühne. Der Film verfolgt den Weg von gleich vier Personen, die sich immer wieder während der Ermittlungen kreuzen. Das funktioniert bei den meisten der Wallace-Streifen ja ganz gut, wenn es denn genügend Gründe gibt, den Leuten zu folgen und sie sich kreuzen zu lassen. Aber das ist hier leider nicht wirklich immer der Fall, bzw. wird das mit dem sich kreuzen im Laufe der Handlung immer weniger, so dass diese Handlungsstränge entweder parallel laufen oder einfach komplett in den Hintergrund rücken. So verliert der Charakter von Inspektor Kaufmann im Laufe der Zeit immer mehr an Daseinsberechtigung, da man ihn für die Fortführung der Handlung einfach nicht zwingend braucht. Heinz Drache wirkt damit irgendwie als Sympathieträger verschwendet, genauso Götz George, der später auch einfach mal aus der Handlung katapultiert wird. Und dann sitzt der Zuschauer nun da mit dem Ekel Erik, gespielt von Jean Sorel, und soll sich dann mit einer der Damen anfreunden. Die dritte Dame im Bunde, Katharina, war nur dazu da, um den Blick auf die verschwundene Puppe zu richten. Und wo wir gerade bei „Grog“ sind, der ein wenig Mystery in die Vorgänge bringen soll, dies geschieht auch nur halbherzig und erst dann, als wir ihn schon fast wieder vergessen hätten. Das ist jetzt nicht so konfus, wie es sich vielleicht gerade anhört, aber doch schon irgendwie schade und doof. Letztlich hängt dann alles am Ekel Erik, und man muss schon sagen, dass Sorel sich alle Mühe gibt, diesen arroganten wie paranoiden Mörder möglichst widerwärtig und fortlaufend psychotischer dastehen zu lassen. Ohne ihn würde der Film wohl fußlahm entschlafen.

TotZeug12
Heinz Drache gibt die Klette, charmant wie eh und je

Vereinzelte Qualitäten

Der Film wurde wohl 1962 in Spanien gedreht und feierte im Dezember des Jahres in Italien Premiere. In die bundesdeutschen Kinos kam er dann im Januar 1963, später lief der Film dann als HYPNOSIS sogar in den USA. Hier und da ist die Rede davon, dass es eine italienische und eine deutsche Fassung des Films gebe. Wenn dem so ist, dann dürfte auf der DVD von Pidax gewiss die letztere enthalten sein. Ob und worin sich die Fassungen unterscheiden, ist leider nirgendwo vermerkt. NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN war der erst zweite Spielfilm des Spaniers Eugenio Martin, der Genre-Fans vor allem für den Psycho-Thriller DIE SAAT DER ANGST und dem Kultfilm HORROR-EXPRESS mit dem Duo Cushing/Lee bekannt sein dürfte. Dieser Euro-Crime war erst die dritte eigenständige Regie-Arbeit des Spaniers. Rein handwerklich ist Martin hierbei nichts vorzuwerfen, die Szenen an sich funktionieren recht gut, er rückt die teils recht mondänen Sets geschickt ins rechte Licht. Ob nun in der tollen Umgebung des Theaters, das hier gut und ausgiebig genutzt wird, oder in der schönen, aber schon leicht in die Jahre gekommenen Villa außerhalb der Stadt, er nutzt jede Gelegenheit, um eine leicht schaurige Atmosphäre zu etablieren. Das Problem daran ist, dass diese Szenen bzw. die ihnen innewohnende Atmosphäre zumeist zu schnell aufgelöst wird. Man ist sich dadurch schnell gewahr, dass des Rätsels Lösung am Ende nur allzu irdischen Ursprungs sein kann. Da kann auch der durchaus unheimliche Score nichts dran ändern. Das Skript setzt im Laufe der Geschichte immer weiter darauf, das Psychogramm des Mörders zu zeichnen, springt davor allerdings zu lange zwischen den Figuren hin und her. Und da dies gar nicht dazu dient, um Red Herrings zu streuen, da wir wissen, dass zum einen Porels Erik der Mörder ist, und zum anderen weder der ermittelnde Kaufmann, noch Karin Kronberger hinter den Spielchen mit der Puppe stecken kann, wie auch recht schnell klar ist, dass übernatürliche Einflüsse wohl keine Rolle spielen können, da eben auch nichts darauf verweist. Dieses ganze Ensemble-Arrangement erweist sich somit als reine Makulatur.

TotZeug04
Jean Sorel hält Zwiegespräch mit seinem Gewissen

Aufgrund der vorhandenen Qualität in der Inszenierung, der schönen Theater-Sets und der vielen bekannten Gesichter ist NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN an sich kein Reinfall, aber als Krimi am Ende doch nur Durchschnitt. Wer sich damit begnügt, Heinz Drache als Ermittler und Götz George als zu Unrecht des Mordes Verdächtigten zu sehen, oder sich einfach nur mal an Jean Sorel in einer wirklich guten, frühen Rolle zu ergötzen, wird damit gut bedient sein; Euro-Crime-Allesseher schalten sowieso ein. Eine zweite Meinung zum Film gibt es von Prisma auf Italo-Cinema.de, eine dritte auf In meinem Herzen haben viele Filme Platz, die aber jetzt nicht großartig von meiner abweichen, aber durchaus lesenswert sind. Die DVD von Filmjuwelen kommt in einer dem Alter und der Erhältlichkeit des Films gemessen guten Bild- und Tonqualität. In der deutschen OFDB kommt der Film, der auch mal auf Premiere Nostalgie lief, nicht besonders gut weg, eigentlich zu Unrecht. Auf der IMDb sieht das schon etwas besser aus.

OFDB 4.88/10 [16 Stimmen] / IMDb 5.7/10 [104 Stimmen]

More Obscure Shit…

Ein Kommentar zu „Obscure Shit No 18: Der Mord und die Puppe

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Aequitas et Veritas

Zwischendurchgedanken

Kais geheime Tagebücher

Filme, Bücher, Tatorts die man vielleicht nicht kennt

Mothersdirt

Nachrichten - hart aber ehrlich

Apokalypse Film

Schaut vor der Apokalypse keine schlechten Filme!

GREIFENKLAUE - BLOG

Rollenspiel ^ Fanzines ^ Podcast ^ RPG-Szene ^RPG-News ^LARP ^ Tabletops ^ Dungeons ^Maps ^Minis

moviescape.blog

Texte über Filme, Serien, Popkultur, Laufen und das Vatersein.

Blaupause7

die Pause zur blauen Stunde

Mike's Take On the Movies

Rediscovering Cinema's Past

filmlichtung

There are no rules in filmmaking. Only sins. And the cardinal sin is dullness. (Frank Capra)

%d Bloggern gefällt das: