Obscure Shit No 17: Dunkle Gassen, sonniges Gemüt

Ich habe mir vorgenommen, mich in den nächsten Wochen mal verstärkt der Schwarzen Serie Hollywoods, dem sogenannten Film Noir, zu widmen. In den 40er- und 50er-Jahren entstand eine ganze Reihe von düsteren Krimi-Dramen, oftmals nach Vorbildern von Hardboiled-Detektivgeschichten, die teils von großartigen Regisseuren wie Fritz Lang, Otto Preminger, Robert Aldrich oder auch Stanley Kubrick inszeniert wurden. Kennzeichnend war dafür die viel mit Licht und Schatten arbeitende s/w-Fotografie, ein eher pessimistisches Weltbild und in den meisten Fällen das dazugehörige Unhappy Ending. Das Genre, dessen Bezeichnung auf den französischen Filmkritiker Nino Frank zurückgeht, brachte einige große Meisterwerke hervor, u.a. DIE SPUR DES FALKEN (1941) von John Huston, MINISTERIUM DER ANGST (1944) von Fritz Lang, TOTE SCHLAFEN FEST (1946) von Howard Hawks, oder auch DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (1956) von Stanley Kubrick. Aufgrund der Popularität dieser Filme gingen jede Menge solch gelagerter Krimis in Produktion, wobei natürlich nicht alle den Status eines Klassikers erlangt haben. Einige wurden vergessen, andere verloren. Es wurde natürlich auch versucht, diese lukrative Strömung mit anderen Genres zu kreuzen. Dies kam allerdings eher selten vor, und so sind solch kuriose Bastarde nicht leicht zu finden, da sie meist längst aus dem Gedächtnis der Filmhistorie getilgt sind. Heute geht es hier um so einen Fall.

Casbah Titelbild

CASBAH – VERBOTENE GASSEN (1948)

Die Geschichte des Juwelendiebs Pepe le Moko, geschrieben von Henri La Barthe, der in seinem selbstgewählten Exil in Algier, wohl behütet in dem weitestgehend unkontrollierbaren Viertel der Gesetzlosen, der Casbah, lebend, durch die Begegnung mit einer verführerischen französischen Touristin den Ruf der Freiheit vernimmt und sich sehnsüchtig in seine Heimat wünscht, was von einem schmierigen Polizisten für sich ausgenutzt wird, um einen perfiden Plan zu schmieden, um ihn letztendlich aus dem sicheren Schoß der engen Gassen seines goldenen Käfigs zu locken, ist bereits 1937 als PEPE LE MOKO – IM DUNKEL VON ALGIER und 1938 als ALGIERS schon einmal verfilmt worden. Ja, das war mal ein Satzungetüm, nicht wahr? Da ich die anderen beiden Filme nicht kenne, kommen wir gleich zur vorliegenden Version. In der Rolle des Gauners und Frauenhelds sehen wir hier den Sänger Tony Martin, den es seit Mitte der 30er-Jahre recht regelmäßig vor die Kameras zog. Allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Man ließ es sich nicht nehmen, ihm 5 verschiedene Musiknummern zu spendieren. Der Song „For Every Man There’s a Woman“, den einmal Martin und dann auch noch seine Filmpartnerin Yvonne De Carlo zum Besten geben dürfen, wurde 1949 sogar für den Oscar nominiert. Die De Carlo spielt hier Pepes algerische Geliebte Inez Tabac, die natürlich nicht sehr glücklich darüber ist, als Pepes Flirt mit der Französin Gaby, gespielt von Marta Loren, zu einer fixen Idee wird, die Casbah hinter sich zu lassen und mit ihr zurück nach Frankreich zu fliegen. Das Fernweh Pepes und seine Vorliebe für französische Frauen versucht sich Peter Lorre als zwielichtiger Inspektor Slimane für sich auszunutzen. Er pflegt einen respektvollen Umgang mit dem gesuchten Gauner, sieht es aber als seine Pflicht an, ihn dingfest zu machen, und sei es nur um zu beweisen, dass er es kann. Und so entspinnt der findige Beamte eine Intrige um Selbsttäuschung, Eifersucht und Verrat, an deren Ende der charmante wie gerissene Verbrecher nur verlieren kann…

Casbah Pepe und Gaby
Pepe umwirbt die unbedarfte Gaby

Das hört sich erst einmal ganz nett an, oder?

Doch die Probleme der ausgefuchsten Kriminalgeschichte in dieser Verfilmung sind leider mannigfaltig vorhanden. Beginnen wir bei der Wahl des Hauptdarstellers; Tony Martin mag ein guter Sänger sein, kein Zweifel, doch als Pepe le Moko scheint er mir fehlbesetzt. Das liegt aber jetzt nicht nur an ihm und seiner beschränkten mimischen Bandbreite. Skript und Inszenierung geben seiner interessanten Figur keinerlei Raum zur Entfaltung, wir erleben ihn nie als nachvollziehbare, dreidimensionale und lebendig wirkende Person. Zum einen stören die eingeschobenen Songs nicht nur dem Fluss des Films gewaltig, sie entrücken uns die Figur, setzen sie auf den Klischee-Sockel des Charmeurs, den jedermann (und vor allem jede Frau) mag. Auch die Tatsache, dass er auf der anderen Seite auch ein skrupelloser Verbrecher ist, wird allenfalls angedeutet, und das nur über die Gewalttat eines ihm nachgereisten Freundes, der sich am Ende eines Verräters „entledigt“. Darüber hinaus wird die wichtigste Figur, die die Ereignisse, sprich Pepes Sehnsucht nach Heimat, anschieben soll, geradezu verkümmert dargestellt. Nichts zeichnet Märta Toréns Gaby dafür aus, auf Pepe unwiderstehlich zu wirken. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass er nur wegen ihr das Land so mir nichts, dir nichts, verlassen möchte. Die Akzentuierung des Films liegt zu sehr auf der einer seichten, eher nichtssagenden Romanze. Im Hintergrund gibt es noch den extra nach Algerien entsandten Polizisten Louvain, dem eine Strafversetzung droht, sollte er le Moko nicht bald zu fassen kriegen. Seine Figur taucht immer mal wieder auf, wird schon nicht vergessen, verblasst aber im direkten Vergleich zu Lorres schmierigen Slimane. Der Deutsche läuft hier merklich auf Automatik, vermag es aber selbst noch im Schlaf, alle anderen an die Wand zu spielen. Die Absicht, den Verbrecher zu verhaften und seine Gewissheit, dies auch zu bewerkstelligen, und zwar aufgrund Pepes Wunsch, mit Gaby nach Frankreich zurückzukehren, wofür er die Casbah verlassen und ihn in die Falle laufen wird, damit hält er keine Sekunde hinterm Berg. So erscheint es letzten Endes sogar eher überflüssig, welche Einflussnahme er auch noch hinter der Bühne als Strippenzieher auf Pepes Umfeld ausgeübt hat. Es wird eigentlich vorher kein Zweifel daran gelassen, dass es so kommen wird. Einem leid tun kann Yvonne De Carlo, deren Rolle als Inez sich darauf beschränkt, Pepe entweder anzukeifen oder ihm ihre Liebe zu versichern.

Casbah Inez und Pepe © Koch Media
Inez verhöhnt ihren Geliebten

CASBAH – VERBORGENE GASSEN ist komplett in den Universal Studios entstanden. Dabei fängt es die exotische Atmosphäre in Ausstattung und Darstellern recht gut ein. Das Highlight des Films ist, wenn Pepe am Ende morgens durch die noch schlafende, menschenleere Casbah schreitet, um das Viertel, das ihn so lange Schutz geboten hat, Richtung Flughafen verlässt. Allerdings versucht sogleich ein dick aufgetragener, unpassender Orchester-Einsatz dies pflichtschuldigst zu zerstören. Sowieso empfand ich die Musikeinlagen, gerade in solch einer Frequenz – gut 15 Minuten Musik bei 90 Minuten Film -, eher anstrengend und unpassend. Die Stücke an sich sind dabei gar nicht mal schlecht, sie haben nur meist nichts in der Geschichte (als Kriminalfilm) zu suchen. Regisseur John Berry, der kurz darauf auf der schwarzen Liste landete und seinen Lebensmittelpunkt nach Frankreich verlegte, schafft es nicht, ein Gleichgewicht zwischen dem Spannungsaufbau und der aufkeimenden Romanze mit den beschwingten Musikeinlagen herzustellen. Beide Teile scheinen für sich alleine zu stehen, als würden sie aus verschiedenen Filmen stammen. Der Krimi-Part kommt auch erst am Ende richtig zum tragen, nachdem der Film davor eine Stunde lang spannungs- und überraschungslos dahin schipperte. Dank Peter Lorre und den schönen Sets würde ich ihn nicht als unansehbar verdammen, mir hat er dann aber doch einiges an Geduld und guten Willen abverlangt. Ein gleichsam kurioser wie auch obskurer Genrefilm, der weder in Deutschland, wo er ab 1952 im Kino lief (in Österreich erschien er schon 1950 unter DIE FRAUENGASSE VON ALGIER), noch in den USA sehr bekannt scheint. Die Bewertungen in der OFDB kommen meiner zwar am nächsten, sind im Schnitt aber dann doch etwas tief angesetzt, während mir die Durchschnittswertung der IMDb ein wenig hoch scheint.

OFDB 4.13/10 [8 Stimmen] / IMDb 6.2/10 [324 Stimmen]

Casbah Slimane © Koch Media
Slimane schmiedet einen Plan

Die wieder einmal schöne DVD von Koch Media, Nr. 23 der Film Noir Collection, beherbergt neben der deutschen Kinofassung auch eine knapp sieben Minuten längere Fassung, die zum einen eine weitere Musical-Nummer aufbietet, aber auch ein alternatives, bzw. erweitertes Ende, in dem [spoiler]Inez am Flughafen auftaucht, um sich zu entschuldigen, und Pepe stirbt, als er auf das startende Flugzeug zu rennt und hinterrücks erschossen wird[/spoiler]. Bild und Ton sind, mit Blick auf das Alter des Films, wirklich gut. Nebenher findet sich im 12-seitigen Booklet noch ein interessanter Text zu den verschiedenen Verfilmungen.

Film Noir Collection © Koch Media
DVD #23 aus der Film Noir Collection © Koch Media

Eine etwas wohlwollendere Besprechung findet sich auf der Seite der Film Noir, die ich jedem Liebhaber der schwarzen Serie ans Herz legen kann, denn es ist mit Sicherheit die umfassenste deutschsprachige Seite zu dem Thema mit sehr interessanten wie kompetent geschriebenen Artikeln zu allerlei Vertretern dieser Gattung Film. Und auch der Blogger-Kollege Volker Schönenberger hat die Veröffentlichung auf Die Nacht der lebenden Texte unter die Lupe genommen.

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