Obscure Shit No. 15: Vom tot werden, tot bleiben und töten…

Der Oktober ist da. Das heißt, die Blätter fallen von den Bäumen, die Nasen laufen, und aller Ortens sieht man in den Einkaufspassagen neben einigen vorzeitigen Weihnachtsergüssen eine Kürbisfratze, die einem nett zulächelt. Unter Filmfans heißt dies, dass Halloween bald vor der Tür steht. Und der Horrorfan zelebriert diese mehr als vier Wochen vom ersten bis zum einunddreißigsten Oktober gerne damit, gruselige und blutige Filme zu gucken, die neueste Staffel THE WALKING DEAD zu beginnen und vielleicht sogar einen Kürbis auszuhöhlen, um ihn entweder verfaulen zu lassen, seinen Hauseingang damit zu verschönern oder ganz und gar unanständige Dinge damit zu veranstalten. Passend dazu begibt es sich zu diesem Jahr und in dieser Zeit, dass ein neuer Film um einen übernatürlichen Serienmörder mit William-Shatner-Maske in die Kinos kommt. Mal wieder. Dieses Mal hat man allerdings eine in Würde ergraute Jamie Lee Curtis ausgegraben. Vor 24 Jahren, in TRUE LIES, entlockte mir ihr Auftritt noch ein anerkennendes „Hrrr“, doch schon in HALLOWEEN – H20, ihrer bisher letzten Begegnung mit dem M & M, war sie eine konservative Übermutter. Der Sexappeal war verschwunden, und man hatte Mitleid mit Josh Hartnett in seiner Rolle als ihr eng an der Leine gehaltener Sohn. Aber ich schweife wieder ab, denn es geht heute mitnichten um einen Film dieser Reihe, denn diese Filme sind vielleicht alles, nur eins nicht – unbekannt.

Ich habe letzte Woche eine Reihe neuer Filme erstanden, darunter auch die Blu-ray eines Slashers mit dem in Mainz geborenen Ferdy Maine. Der schicke Schuber, der als ein Film der „Slasher Classics“ von 88 Films aus England durchaus Erwartungen schürte, wollte natürlich gleich gesichtet werden. Der Film ist hier in Deutschland mitnichten komplett unbekannt, aber er firmiert trotzdem unter ferner liefen, weswegen ich mich ihm hier und heute widme.

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FRIGHTMARE (Norman Thaddeus Vane, 1983)

Conrad Ragzoff ist ein Filmstar aus der Hochzeit des Horrorkinos der Nachkriegszeit. Sein Name hat immer noch Zugkraft, und selbst jüngere Fans verehren ihn. Doch die Filme, die er jetzt dreht, werden zumeist von ignoranten Jung-Regisseuren geleitet, was die Arbeit für ihn zur Qual macht. Und so ist er von der Nachricht, unheilbar krank zu sein und bald sterben zu müssen, weit weniger schockiert, als man annehmen sollte. Die Aussicht, seinen Abgang, vor allem seine Beerdigung, als großes Spektakel zu inszenieren, erfreut ihn, und so lässt er eine große Krypta einrichten, die als Wallfahrtsort und Friedhofs-Attraktion dienen soll. Er lässt es sich natürlich nicht nehmen, vor seinem Ableben etwas Film-Material aufzunehmen, in dem er seine Gäste bei der Beerdigung begrüßt, sie durch die Andacht führt und dann auch noch verabschiedet.

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Doch mit den jungen Fans ist es schon ein Kreuz. Ein paar von ihnen haben bei einer Sauftour zu Ehren des Verblichenen beschlossen, doch mal kurz in seiner Ruhestätte vorbeizuschauen und darauf den erst kürzlich verblichenen Leichnam mit auf eine Party in einem gemieteten Haus zu nehmen. Sein Verschwinden bleibt nicht lange unbemerkt. Die Witwe lässt über ein Medium Kontakt mit dem Geist ihres Gatten aufnehmen. Wie wir am Ende wissen werden, ist es dabei nicht die Totenruhe, die ihr ob seines Verschwindens Sorgen macht. Doch durch diese Kontaktaufnahme fährt der Geist des Schauspielers wieder in seinen toten Körper. Und er geht noch in der Nacht auf die verkaterten Fans los, um sie für ihren Frevel büßen zu lassen…

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Als dieser Film produziert wurde, es war 1981, da war die Slasher-Welle zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber zumindest noch am rollen. Es war das Jahr von BLUTIGER VALENTINSTAG, THE BURNING, NIGHTMARE IN A DAMAGED BRAIN und natürlich des hochoffiziellen HALLOWEEN 2 (den ich selbst lieber HALLOWEEN 1.5 nenne, aus nahe liegenden Gründen). Doch erbarmte sich da keiner, ihn in den Pott der zig Halloween-Epigonen zu schmeißen, die über das Jahr die Leinwände bevölkerten. Erst zwei Jahre später, also 1983, erbarmte man sich, den Slasher noch in die Kinos zu schicken. Und hier teilte man sich die enger werdende Nische mit Streifen wie GIRLS NITE OUT, HOUSE ON SORORITY ROW oder DOUBLE EXPOSURE. Und man geriet, wie eben auch jene Streifen, in Vergessenheit.

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Sowas kann schon mal passieren, vor allem wenn anstelle des wirklich charismatischen Ferdy Maine eigentlich der unvergleichliche Christopher Lee für die Rolle des Conrad Ragzoff eingeplant war. Man war sich so sicher, den Engländer, der zu der Zeit in den Staaten residierte, um seine Weltkarriere voranzutreiben, engagieren zu können, dass man sogar schon Ausschnitte aus SCHLECHTE ZEITEN FÜR VAMPIRE (1959) eingekauft hatte. Aber aus der Verpflichtung wurde nichts, und so hat man einfach die vorhandenen Einspieler genutzt, um ältere Filmausschnitte des Herrn Maine zu doubeln. Geld, um vielleicht eher passend ein-zwei Clips aus TANZ DER VAMPIRE (1967) einzukaufen, war freilich keins mehr da.

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Aber so war das damals nun mal, man musste mit dem arbeiten, was man hatte. Und Ferdy Maine ist der wahrscheinlich größte Pluspunkt dieses billigen Machwerks. Er gibt den alternden, leicht versnobten Star wirklich gut. Gerade die Einspieler, die Conrad vor seinem Tod für die Nachwelt aufgenommen hat, sind witzig, verleihen dem Ganzen ein wenig Würze. Von so etwas hätte der Film mehr gebrauchen können, Würze. Ganz allgemein wäre mehr hier wirklich mehr gewesen; mehr Humor, mehr Gore, mehr Erotik (ein paar Titten wären schon nett gewesen), mehr Einfallsreichtung, und wohl zuallererst mehr Geld, um das Nötigste wenigstens finanzieren zu können. Denn der Film sieht hoffnungslos billig aus. Die Sets entstanden im Dienst nach Vorschrift, Maskenbildner und F/X-Leute konnte man sich scheinbar nur halbtags leisten, und im Großen und Ganzen sieht FRIGHTMARE bieder aus wie eine Folge DAS LITERARISCHE QUARTETT. Das hat alles nichts kinematisches, da ist kein Leben (okay, es geht ja auch um einen toten Schauspieler), keine Leidenschaft (bis auf die Szene, in der eine Tussi den Leichnam küsst) und kein Herzblut (ich hab’s jedenfalls nirgendwo spritzen sehen) drin.

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Auf der Habenseite kann der Film neben Ferdy Maine (der einen leid tun kann, dass er solchen Mist drehen musste) nur noch einen jungen Jeffrey Combs, den wir alle als Herbert West oder Weyun oder Shran lieben gelernt haben, verbuchen. Allerdings bekam der die Rolle nur, weil er dem Kopf-Dummy aus der Köpfungsszene ähnlich sah. Er ist also ein Lebend-Double für einen Spezial-Effekt, und kann davon ab eh keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. FRIGHTMARE, oder auch THE HORROR STAR, ist einer der vielen billigen Slasher-Filme, die am Trend prosperieren wollten. Man hat hier zwar schon den Weg des humorvollen Metzelns eingeschlagen, nur wenn es mit Metzeln oder auch Lachen nicht weit her ist, nützt das ja alles nichts.

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Hierzulande ist der Film schon einige Male auf VHS und dann auch auf DVD in einigen kleinen wie großen Hartboxen verwertet worden; ’84 Entertainment war so frei. Eine Blu-ray wie die der Engländer von 88 Films oder der Amis von Vinegar Syndrome hat es aber noch nicht auf das bundesdeutsche Gebiet geschafft. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auf der OFDB erst 54 Stimmen für den Film abgegeben wurden, mit einem Durchschnitt von 5,49/10. Auf der IMDb sieht es freilich schon etwas anders aus; 4,3/10 bei 751 Stimmen schlagen hier zu Buche. Eine verschollene Perle (oder auch ein im Keller verbuddelter Haufen vermodernder Knochen ) ist der Film also nicht. Ehrlich gesagt war es einfach nur der erstbeste Film, der mir als passend in der Prä-Halloween-Zeit vor die Linse gekommen ist.

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