Obscure Shit No. 14: Russischer Anti-Rambo rettet den Frieden

Die 80er-Jahre waren schon eine komische Zeit. Es dominierten schrille Farben, Aerobic-Klamotten, und die Musik wurde von der Elektronik und den damit erzeugten Synthie-Klängen erobert. Man gab sich verspielt und ausgelassen, und nicht wenige träumten von Wohlstand und Luxus, möglichst ohne etwas dafür zu tun. Politisch war die Welt noch so wunderbar einfach in Ost und West geteilt, in Deutschland gab es die Mauer, die die Ostdeutschen in einem maroden Wirtschaftssystem einpferchte und hinter der die Dystopie des Big Brother, allerdings ohne futuristische Gerätschaften, gelebt wurde, und im allgemeinen war „der böse Russe“ das Feindbild Nr. 1 des sich in der vorübergehenden Blüte befindlichen westlichen Kapitalismus. Das schlug sich natürlich auch in der Pop Kultur nieder, gerade in Film und Fernsehen wurde dieses Zerrbild gerne und ausgiebig bedient. Im TV schlugen sich MAC GYVER Richard Dean Anderson oder AGENTIN MIT HERZ Kate Jackson mit russischen Agenten rum, und im Kino kämpfte das Hollywood-Bratpack (u.a. Patrick Swayze und Charlie Sheen) gegen DIE ROTE FLUT und der eigentlich gebrochene Kriegsveteran RAMBO Sylvester Stallone gewann in seinem zweiten Abenteuer rückwirkend für die USA in Vietnam. Die Russen waren natürlich auch nicht untätig, allerdings war die russische Gesellschaft zum einen nicht so sehr medial zentriert und zum anderen schaffte es nicht sehr viel russisches Kulurgut in den Westen. Im Frühjahr 1987 jedoch startete in bundesdeutschen Kinos ein russischer Film, dessen Plakat davon kündete, „Moskaus Rache für RAMBO“ zu sein…

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IM ALLEINGANG/ODINOCHNOYE PLAVANYE (Mikhail Tumnishvili, 1985)

Die eisigen Zeiten des Kalten Krieges scheinen Mitte der 80er-Jahre sich allmählich ihrem Ende zu nähern, Abrüstung ist das Wort der Stunde (wie der Zufall so will, trafen sich Ronald Regan und Mikael Gorbartschow auf der Genfer Gipfelkonferenz im November 1985 zum ersten Mal; es war ein wichtiger Schritt zur Entspannung des Ost-West-Konfliktes). Dieser Umstand sorgt bei der amerikanischen Waffen-Lobby für Unbehagen, denn sie fürchten nicht nur um ihre Gewinne, faktisch steht der amerikanische Staatsapparat, ohne die Einnahmen aus der Produktion von Kriegsmaschinerie, kurz vor dem Bankrott. Als gute Kapitalisten und wahre Patrioten ersinnen sie nun einen Plan, um die Konflikte mit der russischen Republik wieder anzuheizen und nicht nur den über Jahrzehnte liebgewonnen Status Quo, auf dem das gesamte westliche Wirtschaftssystem aus Kapitalismus und Imperialismus sich gründet, wieder herzustellen, nein, ein raffiniertes Komplott soll die Großmächte in einen gewinnbringenden dritten Weltkrieg treiben.

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Zu diesem Zweck manipulieren sie einen traumatisierten Vietnam-Veteranen. Major Jack Hessalt leidet unter einer Psychose und wird immer wieder von Alpträumen gepeinigt. Außerdem schiebt er eine ziemliche Hasskappe auf seinen ehemaligen Vorgesetzten, der den Tod seiner Kameraden zu verantworten hat. Er soll nun für die Händler des Todes im russischen Einflussbereich des West-Pazifik ein amerikanisches Kreuzfahrtschiff per Raketenbeschuss versenken und so einen neuen Konflikt auslösen, der sich hoffentlich zum dritten Weltkrieg entwickelt, was den Lobbyisten beträchtliche Gewinne bescheren würde. Hessalt bemächtigt sich auch planmäßig der Kontrolle eines U-Boots, steuert die abgeschossene Rakete aber in letzter Sekunde ins offene Meer, wo er, eher aus Versehen, das Segelboot eines amerikanischen Ehepaars Harrison versenkt.

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Jack und Caroline Harrison können sich auf eine nahe gelegene Insel retten. Dort werden sie von einem russischen Kriegsschiff unter dem Kommando des besonnenen Major Shatokhin entdeckt. Sie wurden in dieses Gebiet beordert, um nach dem U-Boot, dass sich unter dem Vorwand eines Manövers hier eingeschlichen hat, zu suchen. Zuerst ist man skeptisch und hält das Ehepaar für Spione, bietet dann aber doch seine Hilfe an. Die beiden lehnen es ab, mit an Bord zu kommen. In der Nacht schickt Major Hessalt seinerseits ein Kommando auf die Insel, weil auch er das Paar für Spione hält, allerdings um russische welche. Dabei wird Caroline getötet. Shatokhin entschließt sich, dem Treiben Hessalts ein Ende zu bereiten, und auch Jack brennt darauf, die Mörder seiner Frau zu Rechenschaft zu ziehen…

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Das hört sich ja nun nicht gerade nach krachiger Einzelkämpfer-Action an, wird wohl der ein oder andere jetzt sagen. Und er wird damit recht behalten. Denn entgegen der verheißungsvollen Werbung des deutschen Verleihers und des gewählten Titels, ist dieser Film kein russisches Pendant zu RAMBO. Denn obwohl Ikonisierung unseren russischen Freunden nie fremd war, wird diese dort nach dem Gebot des alten Testaments gelebt, das da heißt „Du sollst keine Götter haben neben mir“. Und so ist in der russischen Kultur auch kein Platz für den einsamen Helden und Freiheitskämpfer, der sich ganz alleine auf die Feinde stürzt. Der Held ist hier ein besonnener Offizier mit Entscheidungsgewalt über eine Truppe tapferer Soldaten, der Menschlichkeit und De-Eskalation zur Maxime seiner Führung gemacht hat. Es geht hier auch nicht darum, gegen den Feind zu gewinnen oder Rache zu üben, sondern einen Krieg zu verhindern und Gerechtigkeit walten zu lassen (letzterem stellen sich am Ende natürlich die korrupten Amis entgegen).

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Genauso wird einem schnell gewahr, dass das russische Kino (und auch die russische Führung) dem Popcorn-Kino gegenüber nicht wirklich aufgeschlossen war. Und so ist auch diese putzige Propaganda in einer Mischung aus Polit-Thriller, der sich dabei nur auf die dubiosen Machenschaften der Kapitalisten im Hintergrund beschränkt, und dem dünnen menschlichen Drama, das auf der einen Seite den Major betrifft, der mit seinen Männer gerade erschöpft von einem Manöver-Einsatz kommt, und auf der anderen Seite natürlich den amerikanischen Ehemann, der durch die fehlgeleiteten US-Soldaten zum Witwer wird. Infolgedessen werden Action und die Erzeugung von vordergründiger Spannung nicht wirklich groß geschrieben. Und auch ansonsten hat der Film nicht viel zu bieten, dass einen bewegen könnte, am Ball zu bleiben. Den Ansatz einer friedensstiftenden Großmacht hat der chinesische CHINA SALESMAN (mit Steven Seagal und Mike Tyson als Verkaufsargumente) jüngst auch aufgegriffen, allerdings gleichwohl mehr auf oberflächliche Action (an der sich der chinesische Held freilich nur passiv beteiligt) setzt.

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Für das deutsche Kino wurde der Film damals um fast 20 Minuten um Handlung und Dialoge gekürzt und erschien auch später in dieser Fassung auf Video. Und genau in dieser Form gibt es den Film auch derzeit auf Maxdome abzurufen, was ich vor einiger Zeit genutzt habe. Ich kann also nichts dazu sagen, ob der Film in seiner ungekürzten Form wirklich funktioniert. In der gekürzten, deutschen Fassung ist dem nicht so, und es mag den diversen Kürzungen durchaus zu verdanken sein, dass der Film zwischendrin Sprünge macht und zeitweise schwer nachvollziehbar ist. 2009 schaffte das Label MiG/EuroVideo dem Abhilfe und veröffentlichte den Film auf DVD, die zwar vordergründig das Schnittmassaker enthält, aber unter den Extras das vollständige Werk als Director’s Cut bezeichnet, jedoch nur in O-Ton sowie auf Englisch, offenbart.
Der Film von Regisseur Mikhail Tumanishvili, der neben einigen weiteren Militär-Propagandafilmen auch das russische Rape’n’Revenge-Drama CRASH – A COP’S DAUGHTER (1989) drehte, ist kein guter, genauer gesagt ein ziemlicher Langeweiler, und wohl nur aufgrund seiner Obskurität von Belang. Die reißerische Versprechung eines russischen Rambo kann und will er nicht erfüllen, und auch in den intendierten Disziplinen des Dramas wie auch den Thriller-Elementen versagt er größtenteils. In der OFDB war er den 26 Leuten, die für ihn abgestimmt haben, 4,58/10 Punkten wert, bei 158 Verwirrten auf der IMDb bringt er es sogar auf 6,0/10. Naja, vielleicht bezieht sich das tatsächlich auf die ungeschnittene Fassung, deren Genialität mir bisher vorenthalten blieb.

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3 Kommentare zu „Obscure Shit No. 14: Russischer Anti-Rambo rettet den Frieden

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