Obscure shit No 6… on VHS: SELBSTJUSTIZ… MEIN IST DIE RACHE

Heute etwas später als sonst, da ich noch zum Grillen bei Muttern war, widmen wir uns dem Trash am Sonntag.

Der Regisseur Harry Edward Kerwin wuchs in Kalifornien als eines von vier Kindern in einer Familie auf, von denen viele in der Filmindustrie beschäftigt waren. Er selbst versuchte sich auch in verschiedenen Funktionen des Business und so kann seine Filmographie in den letzten 10 Jahren seiner Karriere, bevor ihn 1979 der Lungenkrebs mit nur 48 Jahren dahinraffte, acht, meistens dem Grindhouse-Kino zuzuordnenden, Spielfilme vorweisen. Die ersten davon lassen sich teils den in den 60ern beliebten Nudies zurechnen, Sexploitationfilme, deren Handlung meist innerhalb von Nudisten-Gemeinschaften spielen. Er arbeitete schon hier desöfteren mit seinen Geschwistern zusammen, ein steter Wegbegleiter war sein ältester Bruder William, der zu der Zeit auch zu den Regulars vom Godfather of Gore Herschell Gordon Lewis gehörte und in Hauptrollen in Filmen wie BLOOD FEAST, SCUM OF THE EARTH und TWO THOUSAND MANIACS! zu sehen war, wobei er auch seine spätere Frau Connie Mason kennenlernte. William spielte meist den obligatorischen Sheriff in Harry Kerwins Crime’n’Violence-Streifen aus dem Spätherbst seiner eher kurzen Karriere.

vlcsnap-error530

1970 tat sich Harry mit dem jungen Schauspieler Wayne Crawford zusammen, der seinen letzten Nudie SWEET BIRD OF AQUARIUS produzierte, dessen Script von seinen Brüdern Edmund und William, der auch die Hauptrolle übernahm, stammte. Ab Mitte der 70er entschlossen sie sich, die Richtung der Filme zu ändern und wandten sich den Niederungen mit Sex und Gewalt vollgestopfter Exploitationfilme für die immer noch beliebten Bahnhofs- und Autokinos zu. Während Harry als Regisseur stets das Zepter der Inszenierung in der Hand behielt, ersann Crawford die Stories und übernahm meist auch die Hauptrolle, so auch in ihrem ersten Werk GOD’S BLOODY ACRE (1975), wo einige Hinterwäldler ihren Wald gegen einen Bautrupp, der dort einen Vergnügungspark bauen will, mit allen Mitteln verteidigt. Auf dieser Seite widme ich mich heute ihres zweiten Werkes, dem Rape’n’Revenge-Film SELBSTJUSTIZ… MEIN IST DIE RACHE (1977), auf den, bis zu Harry Kerwins Tod, nur noch die wohl eher zahme RomCom DAS BRINGT’S VOLL – DUFTE TYPEN IN JEANS (1977) und der Tierhorror meets Verschwörungs-Thriller BARRACUDA (1978), über den ich mich schon in meinem Review bei Evil-Ed.de ausgelassen habe, folgten. Im Jahr darauf holte Harry dann bedauerlicherweise der Krebs ein, während Bruder William bis zu seinem Tod 1989, er wurde 62, durch die US-Serienlandschaft der 80er Jahre tingelte. Wayne Crawfords Karriere verlief auch eher unauffällig, er spielte in einigen B-Filmen, versuchte sich ein paar Male als Regisseur, er verstarb 2016 mit 68 Jahren.

vlcsnap-error772

Hier und heute dreht es sich, wie schon gesagt, um SELBSTJUSTIZ… MEIN IST DIE RACHE von 1977, ein, wie der Name schon sagt, Selbstjustiz-Reißer, der zweite Film aus der Feder von Wayne Crawford, der auch eine größere Nebenrolle im Film übernahm. In der Hauptrolle zu sehen ist Chris Mulkey, am ehesten bekannt aus der zweiten Staffel von David Lynchs Mystery-Serie TWIN PEAKS (1990/91) als der aus dem Knast zu seiner Frau zurückgekehrte Gauner Hank Jennings. Diese Rolle könnte man schon als den Höhepunkt in der Karriere des Mannes mit dem kantigen, vernarbten Charaktergesicht bezeichnen, der davor wie danach eher in Nebenrollen in Film und Fernsehen gern gesehen war, aber nie wirklich für etwas höheres empfehlen konnte. Mitte der 70er Jahre stand der gute Mann noch ganz am Anfang seiner Laufbahn, die Rolle des Jura-Studenten Cullen Garrett, der zum einsamen Rächer seiner vergewaltigten und ermordeten Schwester wird, war erst seine zweite.

vlcsnap-error881

Chris Mulkey als Cullen Garrett ist also der zweifelhafte Held dieses Spektakels, seine Schwester Wendy, die in einem abgelegenen Drugstore arbeitet, bekommt Besuch von einer Bande von vier Halunken, die sie vergewaltigen und dann recht uncharmant abknallen. Ihre Familie fällt in tiefe Trauer, ihr Vater Tom Garrett, Sheriff der Stadt, Onkel Ben, und natürlich Brüderlein Cullen, dem seine attraktive Freundin Tracy Halt bietet. Die Vergewaltiger haben Geschmack an diesem neuen Hobby gefunden und stürzen sich auf ein nächstes Opfer, das nach dem vollzogenen, auferzwungenen Geschlechtsakt das Diesseits verläßt. Doch dieses Mal fallen sie einer Polizeistreife auf, die in ihrem Van die Mordwaffe findet, worauf die vier Männer vor Gericht stehen. Aber es sind hier keine harten, archaischen Machos, sondern vier geistig zurückgebliebene Hinterwäldler-Arschlöcher. Aber ihr weit zu niedrig gelegener IQ ist nicht der Grund, warum die Anklage gegen sie fallen gelassen wird und sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden; es ist schlicht und einfach ein Formfehler, der eine Aussage aus den eigenen Reihen, in der einer der Männer die Tat eingesteht, und das gefundene Gewehr als Beweis ihrer Schuld unbrauchbar machen.

vlcsnap-error335

Der angehende Jurist kann das natürlich nicht verwinden und stellt den vier geistig behinderten (& meiner Meinung nach auch gestörten) nach. Sie sind keine netten Zeitgenossen, schubsen gerne Frauen rum – zwei von ihnen sind sogar mit Weibern, denen wohl auch einige entscheidende Gehirnzellen fehlen liiert; in manchen Szenen erinnert das ganze wirklich an betreutes Wohnen, allerdings ohne Betreuer. Während Cullen also bei seiner Freundin immer öfters um Ausreden für seine Abwesenheit ringt, und Sheriff Tom sich, als ein Täter nach dem anderen einem Mord zum Opfer fällt, mit einer weiteren familiären Tragödie konfrontiert wird, spitzt sich alles auf eine Auseinandersetzung von Cullen und M.J., dem Redelsführer der Bande, übrigens mit viel Gusto gespielt von Wayne Crawford.

vlcsnap-error063

Das ganze hätte bei dieser Konstellation zu einem politisch inkorrekten Desaster mit faschistischer Dauerbefeuerung gegen Behinderte werden können, belässt es aber glücklicherweise dabei, die geistige Beschaffenheit seiner Täter eher als kurioses Beiwerk zu betrachten, um sich aus der Masse ähnlicher Filme herauszuheben. Denn abgesehen davon hat dieses Machwerk nicht wirklich viel zu bieten, selbst der Gewaltgehalt und die damit einhergehende Brutalität stehen hinter anderen Vertretern des Genre an. Die ganze Chose ist aber natürlich trotzdem ziemlich schmierig, ein wenig sleazy und in Ansätzen reaktionär. Allerdings werden die Taten von Mulkeys Cullen nicht gut geheißen und hat auch für seine Freundin Tracy am Ende eine bittere Konsequenz, da sie im Finale zwischen die beiden sich unter Beschuss nehmenden Kontrahenten gerät und getroffen wird. Wie ihr Schicksal aussieht, bekommen wir jedoch nicht mehr mit, denn schon kurz danach endet der Film mit dem Tod von M.J. und dem bestürzten Auftritts von Sheriff Papa Tom am Tatort. Der geneigte Zuschauer hat bis hierhin tapfer gut 80 nicht gerade aufregende Minuten durchlitten, deren Höhepunkte die sich selbst im eigenen Heim wie Wildsäue benehmende Viererbande und die nackten Tatsachen, die Cullens Freundin Tracy gerne und oft präsentiert, sind.

vlcsnap-error663

SELBSTJUSTIZ… MEIN IST DIE RACHE oder TOMCATS, wie er im Original heißt, ist kein guter Film, und er weiß eigentlich nur durch seine milde Kuriosität streckenweise zu unterhalten. In Deutschland ist er bisher nur auf VHS von Silwa erschienen; die Kassette ist recht selten, aber nicht so selten, dass sie nicht gegen einen gewissen Preis aufzutreiben wäre, wenn man ihr unbedingt habhaft werden wollte. Es gibt eine DVD aus Frankreich, ein Bootleg auf dem der Film im englischen Ton unter dem Titel GETTING EVEN, zusammen mit dem Film FORCED ENTRY, veröffentlicht wurde. Die beste Alternative stellt dabei wohl die amerikanische DVD von Code Red dar, auf der TOMCATS als Bonusfilm zur ersten Crawford/Kerwin-Kooperation GOD’S BLOODY ACRE beiliegt, hier hat man dann die Scheiße gleich im Doppelpack. Auf der OFDB liegt die Bewertung für SELBSTJUSTIZ… ungewöhnlich hoch, bei 6,47/10 bei 15 Stimmen, auf der IMDb liegt er auch bei akzeptablen 5,5/10 bei immer noch recht mickrigen 120 Stimmen. Für mich liegen beide Wertungen für diesen recht langweiligen Reißer viel zu hoch, was wohl darin zu begründen ist, dass wohl nur ausgesprochene Grindhouse-Fanatiker diesen Film überhaupt kennen. Aber um gut oder schlecht geht es hier ja eigentlich gar nicht, sondern um Kuriositäten, Absurditäten und schlichtweg vergessenes wie vergessenswertes, was diese Besprechung rechtfertigen würde, wenn ich irgendjemanden Rechenschaft schuldig wäre. Dem ist aber nicht so, deswegen kommt solcher Shit halt nach Gutdünken hier rein. Ich wünsche allen von euch einen guten Einstieg in diese wohl brütend heiße Sommerwoche.

https://thehomeofhorn.wordpress.com/2018/06/17/obscure-shit-no-1-on-amazon-prime-blood-thirst-1971-the-thirsty-dead-1974/

https://thehomeofhorn.wordpress.com/2018/06/24/obscure-shit-no-2-on-vhs-flotter-italo-dreier/

https://thehomeofhorn.wordpress.com/2018/07/01/obscure-shit-no-3-on-amazon-prime-mark-of-the-astro-zombies/

https://thehomeofhorn.wordpress.com/2018/07/08/obscure-shit-no-4-on-amazon-prime-astro-zombies-teile-34/

https://thehomeofhorn.wordpress.com/2018/07/15/obscure-shit-no-5-on-mgm-channel-die-toechter-satans/

Bonus-Galerie:

vlcsnap-error936

vlcsnap-error604

vlcsnap-error052

vlcsnap-error620

vlcsnap-error051

vlcsnap-error819

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle kostenlos eine Website oder ein Blog auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Aequitas et Veritas

Zwischendurchgedanken

Kais geheime Tagebücher

Filme, Bücher, Tatorts die man vielleicht nicht kennt

Mothersdirt

Nachrichten - hart aber ehrlich

Apokalypse Film

Schaut vor der Apokalypse keine schlechten Filme!

GREIFENKLAUE - BLOG

Rollenspiel ^ Fanzines ^ Podcast ^ RPG-Szene ^RPG-News ^LARP ^ Tabletops ^ Dungeons ^Maps ^Minis

moviescape.blog

Texte über Filme, Serien, Popkultur, Laufen und das Vatersein.

Blaupause7

die Pause zur blauen Stunde

filmlichtung

There are no rules in filmmaking. Only sins. And the cardinal sin is dullness. (Frank Capra)

%d Bloggern gefällt das: