George A. Romero Retrospektive, Teil 2 : Drehen die denn alle durch?

Hier geht’s zum ersten Teil…

Zwischen der Nacht und dem Morgengrauen der Toten drehte George A. Romero insgesamt nur 4 Filme. Allesamt waren keine Hits, und in deutsche Gefilde haben es nur zwei davon geschafft, die im folgenden vorgestellt werden. Den anderen beiden, THERE’S ALWAYS VANILLA (habe ich endlich auf YouTube entdeckt) und SEASON OF THE WITCH (meine DVD ist immer noch in Frankreich), werde ich mich zu einem späteren Zeitpunkt widmen. Beide folgende Filme feierten ihre TV-Premiere hierzulande übrigens Anfang der 90er beim damals noch jungen Privatsender Pro 7.

CRAZIES (1973)

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Evans City ist eine kleine, beschauliche Stadt irgendwo in Pennsylvania. Die Menschen gehen ihrem Tagewerk, ihrer Freizeit, ihrem Leben nach. Sie haben ihre großen und kleinen Probleme, ihre Träume und Wünsche, Menschen wie Du und ich. Doch dann machen sie Bekanntschaft mit Trixie, einem experimentellen biologischen Kampfstoff, der nach einem Flugzeugabsturz das Grundwasser kontaminiert hat. Ein Mann tötet seine Frau, er kann nicht klar denken, das Gehirn geflutet, die Persönlichkeit zersetzt. Feuerwehrmann David ist entsetzt ob der Kaltblütigkeit des Familienvaters, der sich jetzt nur noch Gedanken um sein brennendes Heim macht. Er selbst lag gerade noch im Bett mit seiner Freundin, der Krankenschwester Judy, sie haben sich Gedanken über eine gemeinsame Zukunft gemacht. Diese Zukunft ist jetzt in weite Ferne gerückt.

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Das Militär rückt an, es fällt geradezu ein, die Stadt wird unter Quarantäne gestellt, das Kriegsrecht ausgerufen. Jemand aus dem Team, das Trixie entwickelt hat, muss her. Welcher? Egal welcher, hauptsache schnell. Dr. Watts weiß nicht wie ihm geschieht, ab ins Flugzeug, auf nach Evans City. Die Einwohner werden inzwischen wie Vieh zusammengetrieben. Aber David und Judy wollen mit aller Macht an ihrer selbstbestimmten Zukunft festhalten, und so schließen sie sich einer Gruppe von Leuten an, die sich der Kontrolle des Militärs entziehen, der Quarantäne entkommen will. Die da oben machen sich inzwischen Gedanken über das Worst Case Scenario, den Einsatz einer Wasserstoffbombe. Für sie sind die Einwohner nur Zahlen in einer Gleichung, die zur Not auch herausgekürzt werden können.

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Vor Ort eskaliert die Situation, Panik kommt auf. Bei allen. Colonel Beckem hat alle Mühe, die Lage unter Kontrolle zu halten, Trixie tötet nicht nur Infizierte. Die Infizierten wissen nichts von ihrer Krankheit, die Gesunden nichts von der Gefahr, in der sie schweben. Sie sind alle Gefangene dieses Mikrokosmos, denn außer in den Gedankengängen der da oben existiert Evans City für die Außenwelt nicht. Und für die Flüchtenden werden die Soldaten, die gar nicht wissen, warum sie überhaupt hier sind, zum Feind. Auch hier scheint jetzt alles erlaubt, es ist schwer hinter den maskierten Bewaffneten im Schutzanzug noch die Menschen zu sehen, die da drin stecken. Es scheint ein Kampf ums blanke Überleben, doch auch in der Gruppe hat sich Trixie schon eingenistet.

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Der Ausbruch einer Seuche, die Menschen zu empathielosen Killern mutieren läßt, eine Gruppe, die sich zusammenschließt, um dem ganzen zu entkommen; das erinnert schon sehr an die „…OF THE DEAD“-Filme, diese Elemente gehören mehr (Night, Dawn, Diary) oder weniger (Day, Land, Survival) ausgeprägt zum Kern dieser Serie, für die George A. Romero bestimmt auch in 50 Jahren noch berühmt sein wird.

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Romero war rückblickend mit dem Film nicht sehr zufrieden, zu plakativ erschien ihm die Botschaft von der Unverantwortlichkeit der Kampfmittelforschung, der Entmachtung der Bevölkerung, dem Stillschweigen der Verantwortlichen und der allgemeinen Entmenschlichung (das sagte er, als er einen gewissen Film mit Zombies in einem Kaufhaus drehte; das ist sehr viel subtiler, klar). Doch der Film besticht durch eine dichte, eine niederschmetternde Atmosphäre, dieses in your face, das Romero an sich selbst bekrittelte, entfaltet hier eine nicht zu unterschätzende Schockwirkung, die dem Remake von 2010, das sich mehr auf vordergründige Schockeffekte konzentriert und das ganze als trivialen Spannungsfilm aufbereitet, komplett abgeht. Die nüchterne, fast dokumentarische Herangehensweise fesselt, die geschilderte Auswegslosigkeit läßt einen mit einem Kloß im Hals und einem flauen Gefühl im Magen zurück.

 

MARTIN (1978)

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Er ist ein sehr stiller, ein introvertierter junger Mann; ein Außenseiter. Und Martin hat ganz spezielle sexuelle Neigungen, die ihn in der Vergangenheit scheinbar eine Menge Ärger eingebracht haben, denn nun sitzt er im Zug nach Pennsylvania. Auch hier kann er nicht an sich halten; im Schlafwagen betäubt er eine hübsche, junge Frau, vergeht sich an ihr und schlitzt dann ihre Pulsadern auf, um ihr Blut zu trinken. In Pittsburgh erwartet ihn sein Cousin Cuda, er ist erheblich älter. Er hält Martin für Nosferatu, für einen Vampir, für das Böse in Person. Er nimmt ihn trotzdem bei sich auf, denn er hält sich für einen frommen Mann, der sich um seine Familie kümmert. Anfangs versucht Martin ihn noch davon zu überzeugen, dass er kein Vampir ist, ihn Kreuze, Knoblauch oder Sonnenlicht nichts anhaben können, doch Cuda hält an seinem Aberglauben fest. Er mahnt Martin an, seinen teuflischen Trieben nicht in dieser, seiner, Gemeinde nachzugehen. Mit Cudas Enkelin versteht er sich besser, die Verachtung, die Cuda auch ihr entgegenbringt, verbindet.

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Jedoch kann er mitnichten an sich halten, beginnt schon bald die Nachbarschaft auszukundschaften, wie es Einbrecher tun. Einmal geht es fast schief, als er eine verheiratete Frau unerwartet mit ihrem Liebhaber überrascht. Er beginnt darauf, in einer Radio-Talkshow anzurufen, wo er in der Anonymität den Mut findet, frei über sein Tun und sein Denken zu reden, aber natürlich nicht ernst genommen wird. Aber hier findet er Gehör, weil er anders ist, eine Kuriosität. Inzwischen ist er auch dazu übergegangen, Cuda aufzuziehen, ihm Streiche zu spielen. Er nimmt es einfach nicht mehr ernst. Doch diese Gleichgültigkeit gegenüber seiner Umgebung soll ihn noch einholen und ins Verderben reißen.

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Mit MARTIN dürfte George A. Romero bis dato einen, oder vielleicht sogar den ungewöhnlichsten und innovativsten Beitrag zum Thema Vampirismus beigebracht haben. Im ruhigen Fluss des Films begleitet der Zuschauer Martin und seinem Alltag, seinem Umgang mit seiner Umgebung. Nach dem Beginn im Zug scheint dieser nur ein verschüchterter junger Mann zu sein, der seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat und ob seiner Andersartigkeit verurteilt und gemieden wird. Man entwickelt Sympathie für ihn, als er sich auf einem Streifzug dann mit dem Geliebten eines auserkorenen Opfers herumschlagen muss, findet man sich fast in einer schwarzen Komödie wieder. Romero kontrastiert öfters den ermüdenden Alltag in der kleinen Gemeinde mit schrulligen Humor. An manchen Stellen montiert er hier parallel Szenen, die aus einem „echten“ Vampirfilm entsprungen scheinen; Martin verführt und beißt junge Mädchen, später wird er von einem Mob mit Heugabeln und Fackeln verfolgt. Sie sind farblich verfremdet und dunkel, Reflektionen aus einem vergangenen Leben oder nur Fantasie? Im letzten Drittel, als Martin eine Affäre mit einer Frau beginnt, eine normale Sexualität zu entwickeln scheint, entlarvt er das Publikum, dass sich Hoffnung auf ein Erwachsenwerden, einer Abkehr seiner Abnormalität, einem Happy-End entwickelt, indem die Katastrophe ganz unvermittelt, lapidar, daherkommt, und so die ganze Tragik der Geschichte offenbart.

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Der Film wurde bereits Ende 1976 fertiggestellt, kam aber erst 1978 in die Lichtspielhäuser, nur ein halbes Jahr vor der Premiere von ZOMBIE. Obwohl von der Kritik größtenteils gelobt, war dem Film kein großer Erfolg an den Kinokassen vergönnt, und er nimmt in Romeros Werk einen unverdienten Nischenplatz ein, denn er dürfte sein bester Film jenseits der Zombie-Thematik (von der ja auch z.B. CRAZIES stark gefärbt ist) sein.

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