Review: Running on Karma (HK 2003)

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Ich habe heute nacht mal wieder einen Film von Johnnie To gesehen. Unter den Regisseuren des HK-Kinos ist er derzeit einer meiner liebsten, wenn nicht sogar der liebste. Zusammen mit seinem Kollegen Wai Ka-Fai gründete er Mitte der 90er die Milky Way Image Company. Wai schrieb einige Drehbücher für Filme Tos, und manchmal führten sie auch zusammen die Regie, etwa bei „Fulltime Killer“ (2001) und „Mad Detective“ (2007), und so auch hier. Die Hauptrolle spielte einer ihrer Lieblingsdarsteller, HK-Star Andy Lau.

Und er watschelt fast den ganzen Film so durch die Gegend:

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Und gegen Ende sieht er dann so aus:

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Aber der Reihe nach:

Bei der Razzia in einem Stripclub trifft die junge Polizistin Lee Fong Yee auf den umfangreichen Big (Andy Lau). Der kann aber fliehen und rennt, wie Gott ihn schuf, durch die Straßen der Großstadt, Lee immer auf seinen Fersen. Gleich um die Ecke verfolgen Beamte der Mordkommission einen Killer, und als sich die Wege kreuzen, wird Big von den Beamten verhaftet, Lee trifft dagegen auf den Mörder. Sie schießt auf ihn, doch der wendige Meuchelmörder kann der Kugel ausweichen, so dass sie einen armen Hund, genauer gesagt einen Schäferhund trifft. Später eröffnet Big der Polizistin, dass er das Karma bald sterbender Menschen sehen kann, ihren Tod und/oder den Grund dafür. Er bietet seine Hilfe bei der Suche nach dem Killer an. Der ist zudem noch ein Schlangenmensch und wird von der Polizei auf einem Busbahnhof in seinem (sehr kleinen) Versteck gestellt. Doch die Beamten haben den Skills des indischen Assassinen nichts entgegenzusetzen, Big muss mit seinem unglaublichen Kung-Fu aushelfen und kann den Flüchtigen in der Belüftungsanlage festhalten. Lee ist sehr angetan von Big und schnüffelt in seiner Vergangenheit rum (typisch Frau); er war mal ein Mönch, bis seine Freundin umgebracht wurde. Die Suche nach dem Mörder blieb erfolglos. In seiner Wut erschlug er einen Vogel, meditierte ’ne Runde und verließ sein Kloster, seine Heimat. Sie arbeiten noch einmal zusammen, Big sieht dabei ihren Tod voraus und rettet ihr das Leben. Doch ihr beider Weg zur Erlösung hat damit erst begonnen…

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Ein wirklich toller Film, der allerdings ein wenig sprunghaft in seiner Tonart ist, was einige Zuschauer irritieren könnte. Er wechselt dabei episodisch zwischen verschiedensten Genres; ist er anfangs noch ein Action-Thriller mit einigen fantastischen Elementen, wie den übermenschlichen Kampfkünsten der Kontrahenten, entwickelt es sich später zur tragischen Romanze und einem anrührenden Drama um Verlust, Schuld und Sühne, und von der Sinnlosigkeit von Gewalt und Rachegedanken. Der auf seine Art mit den grotesken Muskeln verunstaltete Big gibt sich nach außen immer gelassen und hilfsbereit, immer fröhlich, ist innerlich aber verkrüppelt, ein Wanderer ohne Ziel, der zudem noch von den Visionen des Todes gepeinigt wird. Umso tragischer ist es dann auch, wenn er, und mit ihm der Zuschauer, begreifen muss, dass, so er es sich auch wünscht und sich bemüht, das vorausgesehene nicht zu ändern ist. Auf jede Aktion folgt eine Reaktion, wenn nicht sofort, dann irgendwann in der Zukunft. Das Karma wird schon dafür sorgen, denn wenn bestimmte Ereignisse erst einmal in Gang gesetzt wurden, ist das Ende unabkehrbar.

Johnnie To und Wai Ka-Fai bedienen sich dabei an einer breiten Palette von Emotionen, Spaß und Vergnügen, Sympathien werden aufgebaut, zur Mitte des Films fliegt man geradezu leichtfüßig durch die Handlung. Und bis dahin gab es schon einen blutigen Tatort zu sehen und einer Frau wurde der Arm abgeschossen. Aber halb so wild, gelle? Aber man ist gerade beschwingt von den Entwicklungen in der Geschichte, hat die beiden ins Herz geschlossen, und da beschleicht einen am Ende einer Szene ein flaues Gefühl in Magengegend. Gleich darauf tritt einen der Film in eben diese, plötzlich suhlen wir uns wieder in Wut, in Gewalt und in Blut. Aber nicht lange, denn die Erlösung ist nahe, doch die Katharsis tut weh. Darauf folgt die Erkenntnis, der Abschluss. Und das Leben kann weitergehen.

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„Running on Karma“ ist einer dieser Filme, wie sie nur im asiatischen Kino alle paar Jahre an die Oberfläche gespült werden und, wenn man Glück hat, auch unsere Breitengrade erreichen. Johnnie To ist nun auch hierzulande kein Unbekannter mehr, und trotzdem hat dieser Film, der immerhin 3 Hong Kong Awards (als bester Film, für die beste Regie, und einen noch für Andy Lau) abgesahnt hat, gute 7 Jahre nach Deutschland gebraucht.

Das Regie-Gespann zieht hier also alle Register, und da es von allem nur häppchenweise etwas bietet, kann man den Film grob in vier Episoden gliedern: Kennenlernen, Beisammensein, Abschied und Erlösung. Jede gewichtet seine Elemente anders, allen gemein ist, dass alle dem geneigten Zuschauer größtmögliche Unterhaltung bieten sollen, egal wie ernst der Tonfall wird. Der Film ist bestimmt nicht für jedermann, man muss sich schon auf das Seherlebnis einlassen. Andy Lau als Muckimann, dessen Latexkostüm zuerst eher unecht wirkt, ist schon sehr gewöhnungsbedürftig, bei seiner Tanzeinlage zu Beginn funktioniert das Kostüm noch nicht richtig gut. Das wird aber besser. Und Lau entschädigt einen mit einer tollen Performance, ringt einem das ein ums andere Schmunzeln mit seiner Angewohnheit, vor jeder Spiegelung posieren zu müssen. Auch wenn der Film immer wieder kleine Gesten preisgibt, trägt er genauso gerne dick auf. Bigs Visionen sind sehr plakativ, eine Szene aus der Vergagenheit, auf der sich das Schicksal der betreffenden Person gründet, die sich über die Gegenwart legt.

Am Anfang stellt man sich auf eine krude Mischung aus Krimi mit Buddy- oder Romantic-Touch und blutiger Wire-Fu-Action ein, wobei gesagt werden muss, dass letzteres (vielleicht sogar bewusst) nicht sehr überzeugend ist. Danach lernt man Big im Laufe von Lees (kurzer) Nachforschungen besser kennen; der zweite Fall, an dem sie arbeiten, verläuft komplett unblutig ab, sodass man sich mehr auf ihre Beziehung konzentrieren kann. Als sie sich ein drittes Mal treffen und wieder trennen, Lee dann ein „Lebewohl!“ über die Lippen rutscht, breitet sich schon das flaue Gefühl im Magen aus. Es soll alles noch sehr viel schlimmer kommen, bevor es besser wird. Man muss den Schmerz spüren, um ihn benennen zu können. Jeder Mensch ist seines Schicksals Schmied, das gilt bei den Buddhisten auch für den Astralkörper, der mehrere Generationen lebt. Man kann sein Schicksal also auch in einem früheren Leben geschmiedet haben, das Karma vergisst nie. Man kann nur leben, so gut wie es einem möglich ist.

Karma is a bitch…

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Auf Badmovies.de gibt’s das ganze nochmal etwas ausführlicher.

Die deutsche DVD kommt von Splendid Film und ist sehr günstig u.a. hier zu erwerben.

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2 Gedanken zu “Review: Running on Karma (HK 2003)

  1. Pingback: Weekend Roundup 6 (18.-20.08.17) | The Home of Horn

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